Die Offenbarungen der zwölf Sinne des Menschen

Rudolf Steiner, der Begründer der anthroposophischen Geisteswissenschaft, an dessen Forschungen sich die vorliegenden Betrachtungen orientieren, unterscheidet nicht nur fünf, sechs oder sieben Sinne des Menschen, sondern er ordnet dem Menschen gleich zwölf Sinne zu. Diese zwölf Sinne sind:


1. Der Lebenssinn. (Nicht zu verwechseln mit dem Sinn des Lebens. Der Lebenssinn

ist ein Sinn wie der Sehsinn oder der Hörsinn.)

2. Der Eigenbewegungssinn.

3. Der Gleichgewichtssinn.

4. Der Tastsinn.

5. Der Geruchssinn.

6. Der Geschmackssinn.

7. Der Sehsinn.

8. Der Wärmesinn.

9. Der Hörsinn.

10. Der Wortesinn.

11. Der Gedankensinn.

12. Der Ichsinn.

 

1. Der Lebenssinn
Beginnen wir mit dem Lebenssinn. Und beginnen wir bei der Geburt des Menschen. Mit Blick auf den Lebenssinn können wir uns sagen, dass der Mensch, gerade erst auf der Erde angekommen, noch keinerlei anderes Verhältnis zu der ihn jetzt umgebenden Welt hat als die Bedürfnisse seines Lebens. Er ist ja gerade erst - wie gesagt - dem mütterlichen Organismus entstiegen. Nun beginnt er zuallererst - und damit tritt er in die irdische Inkarnation ein - das Trennungsgefühl zwischen sich und der Welt zu entwickeln. Er schreit und verlangt nach der Stillung seines Unwohlseins, nach einer Erfüllung des Unerfüllten, nach einer neuerlichen Verbindung mit dem verloren gegangenen. Das ist die erste Form des Selbsterlebens: der Schmerz der Trennung und die Freude der Wiedervereinigung durch die Stillung des Mangels an der Nahrung der Mutter. Das ist der Lebenssinn. So ist es der Lebenssinn, der uns im beginnenden Leben zuerst entgegentritt. Zwar sind alle anderen Sinne auch schon veranlagt und auch teilweise schon aktiv, doch ist die erste bewusste Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt tatsächlich das Leid an der Trennung vom mütterlichen Organismus und das Verlangen nach der Stillung dieses Leidens. Und sobald der Säugling die Muttermilch - oder anderes - bekommen hat, ist die Verbindung wieder hergestellt. Machen wir uns das klar: Die Verbindung zwischen Mutter und Kind war zerrissen und wird durch die Aufnahme eines Teiles der Mutter wieder hergestellt. (Bekommt der Säugling keine Muttermilch, sondern andere Nahrung, so gleicht die mütterliche Natur diesen Mangel aus.) Der Lebenssinn ist nichts anderes als der Durst nach Dasein und das Wohlgefühl im eigenen Selbst, wenn dieser Durst gestillt ist. Im mütterlichen Organismus kannte der werdende Mensch diesen Durst noch nicht, denn er war umgeben und eingebettet in die Wasser des Lebens, die ihn im Uterus der Mutter trugen. „Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser" (Gen. 1,2) heißt es in der Schöpfungsgeschichte der Bibel. Hat aber das Kind den Mutterleib verlassen, vereinigt sich der Geist mit ihm, und es erscheint ihm dann von außen, was ihn vorher im Inneren trug. Das ist der größte Umschwung im Leben eines jeden Menschen. Die Mutter ist Außenwelt geworden. Doch hat die Außenwelt, also die Mutter, die Möglichkeit von ihrer eigenen Substanz etwas zu opfern, damit es in dem von ihr getrennten Wesen als ein Stück von ihr weiter leben kann. Das bedeutet, dass die Aufnahme der Nahrung nicht nur ein physischer Akt ist, sondern, dass er ein tiefes seelisches Erlebnis beinhaltet: die Aufnahme einer mütterlichen oder göttlichen Kraft ins eigene Innere. Wenn wir so richtig durstig sind, so, dass wir schon gar nicht mehr klar denken können, ist die Aufnahme von flüssiger Nahrung ein Erlebnis, das sich nur mit einer neuerlichen Menschwerdung vergleichen lässt. Aber auch die Mutter selbst erlebt in der Geburt ihres Kindes, also in der Hinschenkung dessen, was sie so lange im eigenen Inneren getragen hat, einen ganz entscheidenden Umschwung. Sie erwacht im Anblick ihres Kindes in der Liebe zur Schöpfung der äußeren, göttlichen Welt. Das Wunder des Lebens tritt ihr vor Augen. Sie ist befreit von einer körperlichen Last und erkennt jetzt erst das Wesen, das sie so lange im Inneren getragen hat. Und sie ist dankbar dafür, dass sie es jetzt in seiner Offenbarung in den Armen halten darf. Gleichzeitig geschieht in dem neugeborenen Wesen, das sich jetzt außerhalb der Mutter in seinem eigenen Inneren erlebt, ebenfalls eine Absonderung nach außen. Es wiederholt sich nach der Nahrungsaufnahme im Inneren des neugeborenen Wesens, was bei seiner Geburt in der Mutter geschah: die Ausscheidung eines im Inneren Getragenen und das Erwachen an diesem ausscheidenden Geschehen. Deswegen muss in dem neu geborenen Wesen, wenn dieses am Leben erwachen will, die Aufnahme der Nahrung gleichzeitig mit einer Absonderung einhergehen. Denn so schlimm es auch war, sich vom mütterlichen Organismus zu trennen, so muss diese Trennung - wenn auch in einer etwas anderen Form - doch auch im eigenen Organismus nachvollzogen werden. Die Substanz der Mutter wird gebraucht - von Anfang an. Aber sie wird auch gebraucht, um sie im eigenen Inneren wiederum zu überwinden, um sie auszuscheiden. Nur in der Überwindung des Vererbten - oder des Geschenkten - liegt die Freiheit des individuellen Lebens. Das ist bei der Muttermilch wie auch bei jeder anderen Nahrungsaufnahme der Fall. Das, was wir aufnehmen, sondern wir auch wieder ab. Wir sondern es ab über die Nieren, über die Haut und über den Darm. Und in all diesem Geschehen, in der Nahrungsaufnahme und ihrer Ausscheidung, erlebt sich der Lebenssinn. Von Anfang an individualisieren wir uns - nach der Aufnahme der Nahrung - durch ihre neuerliche Absonderung über die Nieren, die Haut und den Darm. Bliebe die Nahrung unverändert in uns bestehen, so könnten wir niemals zum Leben geschweige denn zum freien Geiste gelangen. Jedes Mal, wenn wir Wasser oder anderes ausscheiden, befreien wir unser individuelles Leben vom Zwang der Materie. Ist keine Substanz da zum Ausscheiden, erlischt unser Leben. Ist Substanz da, müssen wir sie überwinden und ausscheiden. Das ist ein sonderbares Geheimnis, dem wir da auf die Spur gekommen sind: Wir verlangen nach Nahrung, um sie zu überwinden, und an der Überwindung erwachen wir als selbstständige Wesen in unserem Körper. Nehmen wir das Bild einer Kerze: Wir müssen immer Wachs zugießen, damit die Flamme brennt. Aber die Flamme verzehrt das Wachs. Geben wir zu viel Wachs dazu, so erlischt die Kerze, geben wir zu wenig, so verzehrt sie sich. Wir sind damit an das Geheimnis herangekommen, dass das selbstständige Leben nur aus der Überwindung des physisch- körperlichen Daseins entstehen kann. Wir sehen von Anfang an, dass das Leben nicht in der Materie, sondern in der Überwindung der Materie liegt. Es entzündet sich nur an der Materie und kommt dadurch zur Erscheinung. Ist keine Materie mehr da zum Überwinden, so verschwindet auch das Leben aus dem Blickfeld des Irdischen. Wir schauen im Lebenssinn tatsächlich auf ein Übersinnliches, das sich im sinnlichen Leibe zu regen beginnt. Und es kann sich dort nur regen, wenn es Materie zum Überwinden bekommt. Wir bauen uns ein Haus nach dem Muster der Stoffe, die wir zu uns nehmen und wieder überwinden. Wir nehmen diese Stoffe nur als Vorlage unserer eigenen Arbeit, mit der wir uns dann unseren Körper neu gestalten. Wir sehen, dass es der Lebenssinn ist, der uns am Beginn unseres Lebens ins Dasein trägt, dass er aber auch während des ganzen Lebens vorhanden sein muss, um den Menschen zu erhalten. Das Hungergefühl und das Gefühl für Störungen im Organismus resultieren aus ihm. Und wir sehen, wie wichtig es ist, dass der Mensch genügend zu trinken und zu essen bekommt. Denn wenn der Lebenssinn leidet und keine Substanz zur Überwindung erhält, erlischt auch der Geist des Menschen, da sich das Übersinnliche des Menschen nicht mehr auf Erden und an der Materie erhalten kann. Erinnern wir uns, was wir oben sagten: Wenn wir so richtig durstig sind, so, dass wir schon gar nicht mehr klar denken können, ist die Aufnahme von flüssiger Nahrung ein Erlebnis, das sich nur mit einer neuerlichen Menschwerdung vergleichen lässt. Und bei jeder Nahrungsaufnahme vollzieht sich dieses Geheimnis der Menschwerdung. Daran müssen wir denken, und dürfen niemals einen Menschen ungestillt nach Nahrung dursten lassen.

 

2. Der Eigenbewegungssinn

Der Eigenbewegungssinn beginnt sich im Menschen zu regen, wenn dieser nach seiner Geburt die ersten Bewegungen vollführt. Diese sind noch ganz unbewusst und automatisch. Aber nicht mehr so automatisch und unbewusst wie im Mutterleib. Im Mutterleibe bewegte sich der Mensch nach Maßgabe der organischen Entwicklungsgesetze, zu denen auch die wachsenden Muskeln gehörten, denn „der Geist schwebte noch auf dem Wasser". Nach der Geburt aber bekommt das selbstständige Leben durch die Bewegungen ein inneres Erleben. Dieses innere Erleben ist es, das in uns den Eigenbewegungssinn weckt. (Selbstverständlich erwachen mit dem Eigenbewegungssinn und dem Lebenssinn auch gleichzeitig die anderen Sinne, wie z. B. der Sehsinn, der Tastsinn und der Hörsinn. Doch wollen wir hier der Verständigung halber das Erwachen der einzelnen Sinne Schritt für Schritt betrachten.) Das innere Erleben, das der Mensch bei einer Bewegung seiner Gliedmaßen empfindet, und nach welchem er lernt, die eigenen Bewegungen zu koordinieren, ist es, das diesen Sinn, also den Eigenbewegungssinn, ausmacht. Könnten wir die eigenen Bewegungen, die wir ausführen nicht mit einer inneren Wahrnehmung begleiten, so wären wir zu keinerlei selbstständiger Bewegung in der Lage. Dabei ist es gerade die selbstständige Bewegung, die uns jetzt über den reinen Lebenssinn hinaus nach und nach zur Individualisierung unserer Person führt. Wir sind dem Mutterleibe entwachsen, sind an der Überwindung der Materie im Lebenssinn erwacht und müssen nun lernen, diesen von uns zu erlebenden Organismus, in welchem die Flamme des Lebens brennt, zur Selbstständigkeit zu führen. Wir ergreifen die Flamme unseres Lebens mit dem Eigenbewegungssinn von innen heraus. So beginnen wir uns selbst an unserer Bewegung zu erleben und es kommt etwas in uns hinein, das wir nur mit dem ersten zarten Gefühl der seelischen Freiheit gegenüber uns selbst und unserer Umwelt beschreiben können. Wir werden „wir selbst", und der Verlust gegenüber dem Mutterleibe verblasst. Unsere Seele erwacht an der eigenen Bewegung. Wir sind es jetzt: Wir bewegen uns. Das ist eine Freude, die den Kindern ins Gesicht geschrieben steht, wenn sie sich im Säuglingsalter beginnen zu bewegen und sich selbst an der Bewegung erleben. Aber auch später noch - bis ins hohe Alter hinein - spielt der Eigenbewegungssinn eine wichtige Rolle. Wer nur wie gelähmt im Sessel sitzt, macht sich seelisch ärmer. (Das soll aber nicht bedeuten, dass die Seele nur durch die körperliche Bewegung ins Leben träte. Sie ist immer da - selbstverständlich - und kann auch in ihrer ganzen Großartigkeit bei einem gelähmten Menschen da sein. Nur körperlich kann sie sich bei einem gelähmten Menschen nicht im vollen Maße erleben. Deswegen muss man einem gelähmten Menschen körperlich anders helfen als einem beweglichen Menschen. Und auch seine Seele muss auf anderem Wege angesprochen werden. Man kann z. B. die Gliedmaßen eines gelähmten Menschen von außen und ohne seine Mithilfe bewegen. Außerdem sind es beim Eigenbewegungssinn nicht nur die äußeren Gliedmaßen, die den Sinn vermitteln, sondern auch die vielen feinen Bewegungen der inneren Muskulatur, wie z. B. die Muskeln bei der Atmung.) Der Eigenbewegungssinn hängt also nicht nur mit dem Erlebnis der Freiheit gegenüber der Umwelt zusammen, sondern auch direkt mit unserer eigenen inneren Gesundheit und unserem Wohlbefinden. Wobei auch bei diesem Sinn auf Ausgeglichenheit geachtet werden muss. Beim Lebenssinn sahen wir, dass der Mensch die Nahrung, die er aufnimmt, auch wieder ausscheiden muss, da sie sich sonst in ihm staut und ihm schadet, und dass sie nicht in zu geringer und nicht in zu großer Menge gegeben werden darf. Beim Eigenbewegungssinn darf die Bewegung die Freiheit der Seele nicht beeinträchtigen. Wird die Bewegung zu heftig und geht sie über das Maß der seelischen Freiheit hinaus, so wird die Seele an den Körper gebannt und verliert ihre Freiheit. Es ist dann so, als wenn wir im Lebenssinn zu viel Nahrung bekämen, die wir dann nicht mehr überwinden können. Aber wir dürfen uns auch nicht zu wenig bewegen. Denn so, wie wir beim Lebenssinn nicht verdursten dürfen, so dürfen wir für den Eigenbewegungssinn auch nicht zu wenig Bewegung bekommen, da sonst die Seele im körperlichen Erleben abstumpft und erkrankt. In der Eurythmie, von Rudolf Steiner als Bewegungskunst gegeben, wird das Seelische des Menschen auf gesunde Weise mit der Bewegung des körperlichen Lebens verbunden. Der Eigenbewegungssinn kann sich frei erleben, und die Selbstständigkeit der Seele wird weder über- noch unterfordert. Die Bewegungskunst der Eurythmie kann den Menschen bis in seine organischen Funktionen hinein gesunden, da sie ihn sein eigenes Seelisches innerhalb der irdischen Inkarnation in Freiheit ergreifen lässt. Die Gesundheit liegt dann in dem freien Umgang der Seele mit dem irdischen Körper.

 

3. Der Gleichgewichtssinn

Sobald wir uns genügend an der eigenen Bewegung erlebt haben, beginnen wir uns zu erheben. Dafür brauchen wir den Gleichgewichtssinn. Jeder Mensch, der das schon einmal am Kinde - nicht an sich selbst, denn das haben wir vergessen - wahrgenommen hat, kennt den Moment sehr gut, in welchem sich das Kind zum ersten Mal frei erhebt und bewegt. Dieser Moment ist großartig, sowohl für den Betrachter, wie für das Kind selbst. Es ist der Moment, in dem das Kind zum ersten Male jegliche Stütze - die Schürze der Mutter, die Hand des Vaters, die Tischkante - loslässt und die ersten freien Schritte macht. Da strahlen die Augen des Kindes und auch die Augen der Erwachsenen. Das Kind hat sich zum freien Menschen erhoben. Ohne den Gleichgewichtssinn wäre das nicht möglich. Der Gleichgewichtssinn ist, im Gegensatz zu den zwei anderen Sinnen, dem Lebenssinn und dem Eigenbewegungssinn, ein Sinn, der sich nicht nur im Menschen allgemein äußert, sondern der sich uns auch in einem kleinen Organ links und rechts im Inneren des Kopfes darstellt. Das Gleichgewichtsorgan liegt im Innenohr, also von außen gesehen an beiden Seiten des Kopfes des Menschen hinter dem Trommelfell und den Gehörknöchelchen. Es besteht aus zwei Kammern und drei Bogengängen, die halbzirkelförmig nach den Gesetzen des dreidimensionalen Raumes aufeinander stehen und mit einer Flüssigkeit (Endolymphe) gefüllt sind. Die Kammern und die Bogengänge sind mit Sinneszellen ausgekleidet. Diese ragen wie feine Härchen in die Kammern beziehungsweise die Bogengänge hinein und sind in eine gallertartige Masse eingebettet. Bewegt sich der Mensch, verschiebt sich die gallertartige Masse durch ihre Trägheit und verbiegt die Sinneszellen, also die Härchen. Durch die Verbiegung der Sinneszellen wird der Mensch über seine Lage im Raum informiert und kann sich selbst in seiner Haltung gegenüber den Dimensionen des Raumes bestimmen. Der dreidimensionale Raum schafft sich im Menschen ein Ebenbild. Und doch wird dieser dreidimensionale Raum vom Menschen im Gleichgewicht suchen wiederum überwunden. (So wie die Nahrung im Inneren des Menschen beim Lebenssinn für die Selbstständigkeit des Individuums überwun10 den wird.) Die Überwindung des dreidimensionalen Raumes liegt in der freien Handhabung des Raumes. Denn wie beim Lebenssinn und beim Eigenbewegungssinn brauchen wir auch hier beim Gleichgewichtssinn etwas, das wir überwinden können. Beim Lebenssinn war es die Nahrung, beim Eigenbewegungssinn die Trägheit des Körpers und beim Gleichgewichtssinn ist es die Dreidimensionalität des Raumes. Wir überwinden diese Dreidimensionalität, indem wir uns frei und selbstständig schreitend von einem Ort zum anderen bewegen. Wir tun das in der Balance der Aufrichtekraft. Diese Aufrichtekraft ist erkauft durch die Überwindung des Raumes. Denn alles, was sich in den dreidimensionalen Raum einfügt, muss wenigstens drei Stützpunkte (Beine) haben. Nur der Mensch erhebt sich auf zwei Beine. (Bei den Tieren ist es immer nur angedeutet.) Er überwindet damit eine Dimension vollkommen und gebraucht die anderen zwei sehr variabel. Dadurch schafft er sich einen eigenen inneren Raum und trägt ihn überall mit hin. Wir können also sagen, wenn wir gleichzeitig auf die zwei vorangegangenen Sinne schauen: Im Lebenssinn erleben wir uns, im Eigenbewegungssinn bewegen wir uns und im Gleichgewichtssinn tragen wir uns. Denn mit dem Gleichgewichtssinn sind wir immer bei uns, egal wo wir uns auf der Erde befinden. Wir fühlen uns im Gleichgewicht in uns selbst und beurteilen uns gegenüber der Welt. Wir wissen, wie wir stehen, wie wir uns halten und uns bewegen: wir sind frei. Geht uns dieses Gefühl verloren, so geht uns auch unsere Individualität verloren, wir schwanken, torkeln oder fallen. Das ist ein unangenehmes Gefühl, welches mit Übelkeit einhergeht und einen Krankheitszustand darstellt (Drehschwindel). Es ist immer besser - wenn man es kann - ohne Stöcke oder andere Hilfen zu gehen, da alle zusätzlichen Hilfsformen die Funktion des Gleichgewichtssinnes übernehmen und den Menschen unselbstständig machen. Der Gleichgewichtssinn ist ein dauerndes sich selbst Suchen im Gleichgewicht der Mitte und in der inneren Ruhe des selbstständigen Geistes. Es ist gut ihn zu üben. Aus einem unselbstständigen Gleichgewichtssinn resultiert auch die Höhenangst oder das mulmige Gefühl in der Magengegend, wenn man am Abgrund eines Berghanges steht. Auch die Seekrankheit hat damit etwas zu tun. Denn solange man sich gegenüber der äußeren Bewegung nicht distanzieren kann, ist man ihr ausgesetzt und spürt, dass sie nicht zum freien Menschen gehört. Der Magen dreht sich einem um. Davon müssen wir uns befreien, indem wir Gleichgewichtsübungen machen, oder sooft auf einen Turm steigen - wie Goethe es getan hat - bis wir den Schwindel überwunden haben. So können wir sagen, dass uns der Lebenssinn ins physische Leben führt, der Eigenbewegungssinn unsere Seele belebt und der Gleichgewichtssinn unseren Geist verselbstständigt und befreit.

 

4. Der Tastsinn

Der Tastsinn gibt dem sich selbst empfindenden und sich selbst tragenden Ich des Menschen, welches sich im Lebenssinn kennengelernt, im Eigenbewegungssinn fühlen und im Gleichgewichtssinn führen gelernt hat, eine äußere Hülle. Der Tastsinn stößt sich an einer ihm fremden Welt und erlebt sich selbst. In der Absonderung von der Außenwelt, individualisiert sich der Mensch. Und wir sehen immer mehr, dass es das eigentliche Geheimnis des Menschen ist, dass er sich bewahren muss gegenüber einer ihm fremden Außenwelt und dass er sich in diesem seinem Bewahren selbst tragen, bewegen, erleben und ertasten muss. Dafür baut der Tastsinn dem Menschen ein entsprechendes Haus. Er baut dem Menschen eine Trennungswand gegenüber der Umwelt auf. Denn was tasten wir, wenn wir tasten? Wir ertasten unser Verhältnis zur äußeren Welt. Ein jedes Tasterlebnis grenzt uns ab und weckt uns in uns selbst. Könnten wir keine Grenze empfinden, würden wir in die Welt zerfließen. Der Tastsinn gibt uns die Grenze unserer Körperlichkeit gegenüber der Welt. Sogar uns selbst können und müssen wir ertasten, um uns in unserer eigenen Grenze immer wieder neu zu erleben. Gegen den Druck der Atmosphäre, das Licht der Sonne, die Luft und das Wasser, ja gegenüber allem, was den Menschen umgibt, schafft sich der Mensch durch den Tastsinn eine Grenze. Und diese Grenze, in genau dieser Stärke, gibt dem Menschen seine Individualität und seine Freiheit. Wird sie zu fest, wie in den Tiefen der Meere, erlischt das Bewusstsein des Menschen und wird sie zu weit, wie in der Höhenluft der Berge, kann sich der Mensch im Inneren nicht erhalten, zerfließt und erliegt dem Höhenkoller. Dabei kommen wir jetzt hier bei dem Tastsinn an der grundsätzlichen Frage nach dem eigentlichen Geheimnis der Sinne des Menschen nicht vorbei. Denn der Tastsinn erstreckt sich auf ganz feine Art bis in alle anderen Sinne hinein. Wir ertasten mit den Augen das Gesehene, wir ertasten mit den Ohren die Bewegungen der Luft, wir ertasten mit dem Gleichgewichtssinn unsere Umgebung und werden unsicher, wenn wir an einem Abgrund stehen, wir ertasten die Wärme usw. Der Tastsinn unterstützt auf ganz entschiedene Weise das Willenselement in den Sinnesorganen des Menschen. Deswegen müssen wir uns an dieser Stelle einmal grundsätzlich fragen, wie die Sinnestätigkeiten des Menschen zustande kommen und was sie eigentlich in Wahrheit sind. Stellen wir uns vor, dass das Licht der Sonne, die Sterne, die Planeten, die Atmosphäre der Erde - einfach alles, was den Menschen umgibt, innerhalb eines kleinen Sees sich spiegelten und ihre Keime in einem kleinen Flecken des Sees hinterließen, und dass dann außer diesem Flecken, in den alle äußeren Kräfte ihre Keime eingeschrieben hätten, der See austrocknete. Dann bliebe nur noch dieser Flecken des Sees mit den Keimen der äußeren Welt übrig. Und nun stellen wir uns vor, dass, bevor nun die äußere Welt mit dem Licht der Sonne auch diesen Flecken noch verzehrte, sich dieser Flecken mit einer plötzlich auftretenden inneren Kraft der Außenwelt, die ihn selbst geschaffen hat, entgegenstellte. Er bildete eine Grenze zu dieser Außenwelt und ließe sich nicht auch noch vernichten. Er bliebe in Opposition zu seiner Umwelt bestehen. Dann hätten wir eine Wesenheit vor uns, die sich um zu existieren in Opposition zur Umwelt stellte. Und genau das tut der Mensch. Er ist aus der Umwelt geschaffen, behauptet sich aber gegen sie und schafft sich eine Grenze zu ihr. Diese Grenze besteht aus den Sinnesorganen. An dieser Grenze bilden sich die Sinnesorgane des Menschen. Sie sind wie Fenster, die in eine fremde Welt schauen, aus der heraus sie aber selbst entstanden sind. Alle Eindrücke der äußeren Welt müssen durch diese Sinnesorgane hindurch, wollen sie sich im Menschen geltend machen. Und sie kommen nur hindurch, wenn sie sich, zum Wohle des Menschen, von diesem vollständig überwinden lassen. Denn - wir sahen das beim Lebenssinn - erst aus der Überwindung der äußeren Substanzen und der äußeren Eindrücke baut sich der Mensch seine eigenen Substanzen auf und entwickelt seine eigenen Eindrücke. Den Tastsinn erleben wir zum Beispiel nur dadurch, dass auf uns ein Druck - und sei er noch so klein - ausgeübt wird und wir diesen Einfluss mit unserem eigenen Willen zu überwinden haben. Dadurch gleichen wir unsere eigene Wesenheit gegenüber dem fremden Eindruck wieder aus - und wir haben das Tasterlebnis. Dieses Tasterlebnis gibt uns eine neue Erfahrung zu unserem gehabten inneren Zustand hinzu und bereichert uns. So werden wir reich und reicher durch unsere Tasterlebnisse und stärker in unserem Inneren, weil wir uns ständig auch gegen die äußeren zu tastenden Erlebnisse wehren müssen. Aber woher kommt der oppositionelle Urzustand des Menschen, der innerhalb der Sinnesorgane des Menschen jedes Mal wieder hergestellt werden muss, und den wir uns in dem selbstständigen Flecken des Sees veranschaulichten? Was ist das, was sich plötzlich gegen das Austrocknen wehrte? Was lebte in diesem Flecken des Sees, der sich verselbstständigte? Es ist eine Urkraft der Opposition, die in allen Dingen der Welt von Anfang an ruhte. Schon seit dem Austritt des Menschen aus dem Paradies durchdringt diese Kraft alles Sein. Und wenn wir diesen Flecken des Sees mit uns selbst identifizieren, so müssen wir uns denken, dass wir schon als eigenständige geistige Wesenheiten vor unserer eigentlichen Geburt innerhalb der äußeren Welt und als Opposition zu ihr vorhanden gewesen sind. Deswegen können wir sagen, wenn wir uns selbst mit diesem Flecken des Sees identifizieren, dass wir schon in den Keimen, die in den See hineingelegt wurden, gelebt haben. Wir selbst waren schon unsichtbar und keimhaft hinter der äußeren Welt vorhanden. Aber wir waren in Opposition vorhanden und werden aus der äußeren Welt heraus in unsere Organisation hinein geboren, um die Verbindung zu dieser äußeren, göttlichen Welt nach und nach wiederzufinden. Denn wir haben sie verloren seit dem sogenannten Austritt aus dem Paradies. So nehmen wir uns also in erster Linie selbst im Verhältnis zu den äußeren Gegenständen der Natur wahr. Wir tasten rau, glatt, hart, weich rund eckig usw. Aber wir benennen alle diese Qualitäten nur nach unserem eigenen Erleben, nach unserem eigenen Gefühl. Das bedeutet, dass wir durch unseren Tastsinn das Maß und das Sein, die Qualität und die Ausstrahlung der äußeren Gegenstände an unserem eigenen Empfinden messen, und den Dingen der Außenwelt unser persönliches Maß geben. Berühren wir etwas, das uns schmerzt, so erleben wir unser Verhältnis zu diesem Gegenstand und lehnen ihn ab, weil er uns schadet. Berühren wir etwas, das uns wohltut, so fühlen wir uns zu ihm hingezogen, weil es unser Dasein fördert. In diesen Momenten sind wir wie Götter gegenüber der äußeren Welt - ein jeder für sich - weil wir ihr unsere Bestimmung geben. Dabei sind wir einmal mehr einmal weniger empfindlich gegenüber den Dingen, die uns berühren oder die wir selbst berühren. Wir verschließen unsere Empfindungsfenster gegenüber ihren Einflüssen, oder wir öffnen sie. Die Abwehr und der Hass verschließen die Fenster, die Zuneigung und die Liebe öffnen sie. Hätten wir eine Liebe, die der Gottesliebe gleichkäme, so würden wir uns allen Dingen öffnen und alle Dinge könnten sich innerhalb unseres Hauses und innerhalb unserer Sinnesorgane in ihrer Wahrheit offenbaren. Wir fänden die göttliche Verbundenheit wieder. Wir wären wiederum eins mit der Welt und gäben uns und ihr eine zukünftige göttliche Bestimmung. Allein die Liebe zu dem Wahrgenommenen ist es, die die Opposition innerhalb unserer Sinnesorgane überwinden und den Menschen mit seinem göttlichen Ursprung neu verbinden kann. (Siehe Ichsinn) Aber das können wir heute erst im begrenzten Maße. Und für den Tastsinn gilt, dass wir nicht alles gleich liebevoll berühren. Eine glatte Oberfläche berühren wir gerne, denn sie gibt uns das Gefühl der Harmonie; wir nehmen sie liebend in uns auf. Eine raue Oberfläche stört - oder verunsichert uns und wir lehnen sie ab. Das heißt, dass wir ein tiefes Bedürfnis nach Harmonie haben und es immer heilsam ist, einem unruhigen und nervösen Menschen etwas Glattes zum Tasten in die Hand zu geben. Oder auch ihn zu kleiden mit Stoffen, die weder rau noch unangenehm sind. Ist unsere Liebe aber so groß, dass wir auch unangenehme Oberflächen als zu uns gehörig akzeptieren können, so wachsen wir über uns hinaus und in den Geist der Welt hinein. Wir können also sagen, dass uns der Tastsinn unsere menschliche Grenze und unser Haus gibt. Und wir haben gesehen, wie wichtig es ist, dass das Haus mit Liebe umweht und ertastet wird. Es ist ja im Übrigen auch der Tastsinn, der diese Liebe in direktestem Maße an den Menschen heranbringt. Wir spüren sofort, ob sich uns eine Wesenheit in Liebe oder aus anderen Beweggründen nähert. (Neugeborene, die niemals berührt wurden, sind gestorben.) Zu gleicher Zeit schützt uns der Tastsinn vor der Selbstzerstörung, denn er sagt uns, wann wir in Gefahr sind oder wenn in unserem Organismus etwas nicht in Ordnung ist. Denn auch die Schmerzen unterliegen dem Tastsinn und die Verursacher der Schmerzen lassen sich durch die Wahrnehmung des Schmerzes beseitigen. Was ist es aber, und das müssen wir jetzt zuletzt noch anführen, wenn sich der Tastsinn an den Wänden des Hauses, also an unserer Haut, selbst wahrnimmt - und zwar unangenehm wahrnimmt; im Juckreiz oder Ähnlichem? Dann ist tatsächlich die wichtigste Grundregel der allgemeinen Sinnestätigkeit verletzt. Es ist das Gesetz verletzt, dass sich ein Sinnesorgan nie selbst wahrnehmen darf. Ein Sinnesorgan muss vollkommen selbstlos sein. Es darf das von ihm Wahrgenommene weder verändern noch verfälschen. Es muss sich selbst zurücknehmen, um das Fremde sprechen zu lassen. Die Sinnesorgane müssen klar, selbstlos und durchlässig sein. - Aber wo ist dann der eigene Willen des Menschen, der doch jedem Sinnesorgan als feines Tasten zugrunde liegt? Der Wille des Menschen ertastet zwar die Einflüsse, die durch die Sinnesorgane in ihn eindringen, aber er darf sich selbst nicht wahrnehmen. D. h., dass er nur soviel von dem Sinneseindruck wahrnehmen darf, wie er von sich selbst zurücknimmt. Innerhalb des Zurückgenommenen offenbart sich das Geistige der äußeren Welt. Es offenbart sich uns das Göttliche der Welt, wie z. B. das Licht, die Luft, die Pflanzenwelt usw. Es ist das Geheimnis der Außenwelt in seiner geistigen Wahrheit, welches wir wahrnehmen, und auch nur wahrnehmen dürfen. Dazu brauchen wir die Liebe innerhalb unserer Wahrnehmung, die sich zurücknimmt und das Fremde sprechen lässt. Haben wir diese Liebe nicht, verbirgt sich uns die Wahrheit des Wahrgenommenen und wir nehmen nur den Zustand des sich Wehrens wahr und nicht die Kraft der Überwindung der Opposition. Die Kraft aber, mit der die Opposition überwunden wird, ist die Liebe. Ein Hindernis ist es also, wenn sich die Sinnesorgane des Menschen selbst wahrnehmen. Das kann aber geschehen, wenn der Körper alt wird, und die Sinnesorgane des Menschen nach und nach zerfallen, sich entzünden oder verhärten, - oder auch, wenn durch Fremdeinflüsse wie z. B. durch Medikamente oder vererbte Krankheiten Schädigungen auftreten. Oder aber, wenn der Mensch sich nervlich überfordert und sich selbst in den Mittelpunkt seiner Beobachtung stellt. Die Therapie wird dann immer darin liegen müssen, die Selbstlosigkeit der Sinne wieder herzustellen. Das kann durch Medikamente geschehen. Es kann aber auch rein im Geistigen ausgeführt werden. (Wir werden das bei der Besprechung des Ichsinns sehen.)

 

5. Der Geruchssinn

Im Geruchssinn haben wir einen Sinn vor uns, der in seiner wahren Wesenheit wohl am meisten verkannt wird. Man möchte zwar Gutes und Angenehmes riechen und wehrt sich gegen schlechte Gerüche, doch ist den meisten Menschen nicht bekannt, mit was für einem geheimnisvollen Sinn wir es bei dem Geruchssinn zu tun haben. Auch dem Geruchssinn liegt ein feines Tasten zugrunde. Doch sind die Substanzen, die wir mit dem Geruchssinn wahrnehmen, nicht so grob physisch wie jene Gegenstände der Außenwelt, die wir mit dem Tastsinn wahrnehmen. Wobei wir ja sagten, dass wir gar nicht die Gegenstände der Außenwelt beim Tasten wahrnehmen, sondern nur unsere eigenen Empfindungen den Außendingen gegenüber. Was haben wir also in der Tätigkeit des Geruchssinns - und damit auch in den Substanzen, die gerochen werden - in Wirklichkeit vor uns? (Die Substanzen, die geeignet sind, gerochen zu werden, sind ja schon fast nicht mehr physisch zu nennen, da sie sich soweit von der physischen Welt gelöst haben, dass sie in einen gasartigen Zustand übergegangen sind.) In den gerochenen Substanzen haben wir den geistigen Bildner der äußeren Welt vor uns. In den Gerüchen entzaubert sich die äußere Natur. Und in ihrer Entzauberung weckt sie den Geist des Menschen. Der Geist des inneren Menschen erlebt sich am Geist der Außenwelt. Das Bewusstsein des Menschen erwacht. Der Mensch wird sich seiner selbst bewusst und stößt sich erwachend am Geiste der äußeren Welt. Und dadurch, dass sich der innere Geist des Menschen am Geist der äußeren Welt stößt und erwacht, baut er sich sein Haus nach den geistigen Gesetzen der äußeren Welt auf. In dem Geruchssinn haben wir den geheimnisvollen Innenarchitekten unseres Hauses - unseres Leibes - in seiner wahren Wesenheit vor uns. Niemals wäre der Mensch in der Lage, seinen Körper - so weisheitsvoll, wie er nun einmal ist - aus eigenen Kräften heraus zu bilden. Dazu braucht er einen geistigen Bildner aus der äußeren, göttlichen Welt. Er braucht einen geistigen Architekt, den er durch seinen Geruchssinn in sein Bewusstsein erhebt. Schauen wir einmal auf den Geruchssinn der Tiere, vor allem auf den der Hunde, der viel besser ausgebildet ist, als bei uns Menschen. Man könnte fast sagen, dass der Hund seine Tageszeitung liest, wenn er auf seinem Wege durch die Natur am Straßenrand schnüffelt. Ja, es ist tatsächlich so, dass der Geruchssinn dem Tier den Inhalt der Welt - vor allem den der anderen Tiere - offenbart. Der Mensch aber muss sich den Inhalt selbst geben. Und gerade das tut er mit dem Teil des Geruchssinns, den er schlechter entwickelt hat als die Tiere. Könnte er so gut riechen wie die Tiere, so käme er nicht zu einem eigenen Bewusstsein. Er könnte die äußere, göttliche Welt nicht in sein Bewusstsein heben. Das aber braucht er, um an den geistigen Architekten heranzukommen. Die Tiere erleben den Geist der Natur mit ihrer Seele. Der Mensch aber wird sich seiner selbst bewusst und muss sich dann den Geist der Natur durch seine Vorstellungen erringen. Im Geruchssinn des Menschen wird der Teil des Geruchs, der vom Menschen nicht zum Riechen verwendet wird, zum geistigen Erkenntnisorgan erhoben. Und tatsächlich bilden sich mit dem Erwachen des Bewusstseins auch physische Strukturen innerhalb des Gehirnes aus. Von dort ausgehend formt dann der geistige Innenarchitekt des Menschen, der durch den Geruchssinn geweckt wurde und durch die anderen Sinne - die wir noch besprechen werden - seinen Inhalt bekommt, seinen Organismus. Er gibt ihm Form - und zwar die wunderbare Form des Menschen. Der Mediziner weiß, wie wichtig es ist, dass ein Kleinkind zur Erlangung des wachen Bewusstseins nicht nur durch den Mund, sondern auch durch die Nase atmet. Denn innerhalb der Nase ragen die Riechzellen - als einzige Nervenzellen des gesamten Körpers - bis an die Außenwelt heran. Durch die Berührung dieser Nervenzellen mit dem zu Riechenden erwacht der Geist im Menschen. Bei Menschen, die niemals durch die Nase atmen gelernt haben und nur durch den Mund atmen, erlebt man häufig auch ein träges Denken. Das sind dann die Menschen, die mit stumpfen Augen und ständig offenem Munde umherlaufen. Natürlich ist das nur dann der Fall, wenn das Kind in der Zeit seiner körperlichen Bildung, also zwischen dem 3. und dem 14. Jahr, versäumt hat, durch die Nase zu atmen. Später - zum Beispiel auch, wenn uns der Geruchssinn verloren geht - ist das nicht mehr der Fall, weil wir dann schon körperlich und geistig fertig ausgebildet sind. Der Geruchssinn, der ja auch nahe dem Gehirn liegt und dessen Nerven direkt mit dem Gehirn verbunden sind, erschließt dem Menschen über die Formung dieses Gehirns das menschliche Bewusstsein und die daran gebundenen Vorstellungen. Der Gral, wie er im Parzival von Wolfram von Eschenbach dargestellt wird, erhebt das Bewusstsein des Menschen zum Geiste. Der Weg zum Gral ist des Menschen Weg vom Eigenerlebnis zum göttlichen Geist der Natur (Karfreitagszauber). Deswegen heißt es dort auch, dass der Gral alles das trägt, was gut riecht auf Erden. Ja, es sind die guten Gerüche, die uns menschlich aufbauen. Wohingegen die schlechten Gerüche das offenbaren, was sich abbaut und vernichtet. Schlechte Gerüche der Verwesung meiden wir, weil wir ihre zerstörenden Kräfte spüren. Dabei muss gesagt werden, dass sich alles, was riechen soll, schon in einem Reifezustand oder sogar in einem Abbau befindet. (Auch im Backen, Kochen und Trocknen werden Gerüche frei.) Selbst eine Rose mit ihrem wunderbaren Duft gibt diesen erst preis, wenn sich ihre Blüte schon vollkommen erschlossen hat und kurz vor - oder schon im Verwelken steht. Aber nicht alles riecht so gut wie eine Rose, und nicht alles ist so gesund zu riechen wie eine Rose. Ein modriger Geruch im Hause führt zu Erkrankungen, und ein verwesendes Tier riecht auch nicht so gut wie eine Rose und ist auch nicht so gesund zu riechen. Oft genug prüfen wir deshalb die Nahrungsstoffe durch unsere Nase auf ihre Qualität. Also können wir sagen, dass es gute und schlechte Gerüche im Verwelken und Vergehen der Natur gibt. Die guten Gerüche fördern die Seele des Menschen, und die schlechten Gerüche belasten sie. Allerdings kann man auch schlechte Gerüche zu medizinischen Zwecken verwenden. Ein schlecht riechendes Schwefeldampfbad hat z. B. die Wirkung, dass es Verwesungskräfte im Leibe des Menschen, die im Magen und im Darm Beschwerden verursachen und nach außen hin schlecht riechen, bekämpft. (Gleiches wird mit Gleichem behandelt.) Den Bezug der Gerüche zu unseren Vorstellungen und unserem Bewusstsein sehen wir auch daran, dass sich die Gerüche außerordentlich tief in unsere Erinnerungsvorstellungen einschreiben. Wir haben bestimmt schon alle einmal erlebt, dass wir in einer Situation des Lebens, in der uns ein bestimmter Geruch entgegenkommt, plötzlich an ein weit vergangenes Erlebnis erinnert werden, welches von eben diesem Geruch begleitet gewesen ist. Das zeigt uns, wie stark unser Bewusstsein mit den Gerüchen verbunden ist. Dabei erfüllt sich das Bewusstsein mit den jeweiligen Vorstellungen der damaligen Situation oder sogar mit dem Geschmack des damals Gerochenen. Dadurch wird das Bewusstsein persönlich - wie wir das bei der Darstellung des Geschmackssinns sehen werden. Die Werbung macht sich diese Tatsache zunutze. Lange vor der Weihnachtszeit z. B., wenn die ersten Weihnachtsplätzchen in den Verkaufsregalen stehen, verbreiten Duftsäulen Weihnachtsgerüche. Diese animieren die Menschen, ihre Vorstellungen auf Weihnachten zu richten und die Plätzchen und anderes zu kaufen. Aber auch Liebesvorstellungen werden durch Gerüche angeregt. Beim Tier geht der Geruch des anderen Geschlechtes sofort in die instinktive Handlung über. Beim Menschen schieben sich entsprechende Vorstellungen dazwischen. Wir sehen also, wie wichtig die Gerüche - vor allem die guten Gerüche - für das wache Bewusstsein und für die Bildung des Menschen sind. Wir können den Menschen fördern und sein Bewusstsein wecken, wenn wir gute Gerüche - bei der Gefahr der Bewusstlosigkeit auch starke Gerüche - in seine Nähe bringen. Nun haben wir fünf Sinne besprochen: den Lebenssinn, den Eigenbewegungssinn, den Gleichgewichtssinn, den Tastsinn und den Geruchssinn. Und wir können sagen, dass uns diese fünf Sinne, von der Geburt angefangen, nach und nach in unser leibliches Haus führen, und dass sie uns in diesem Leibeshaus formen und wecken. Alle fünf Sinne helfen uns, uns selbst gegenüber der Außenwelt zu behaupten und uns zu gestalten. Sie führen uns in die Inkarnation des physischen Leibes, indem sie uns von der Außenwelt distanzieren und uns sogar zu ihr in Opposition bringen. Aber es ist nicht damit getan, dass wir uns im eigenen Inneren erleben, dass wir uns lebendig fühlen, unsere Bewegungen beobachten und koordinieren, unser Gleichgewicht finden, uns gegenüber der Umwelt durch den Tastsinn differenzieren und uns zuletzt durch den Geruchssinn im inneren Bewusstsein erleben, sondern wir müssen jetzt auch den Blick nach außen wenden. Denn aus der äußeren Welt kommen uns die Eindrücke, die wir zu einem bewussten Menschsein brauchen. Von außen kommen uns die Nahrungssubstanzen, die Substanzen des Tastens, die bildenden Kräfte des Geruchs, das Licht, der Ton, die Wärme und das Ich des anderen Menschen entgegen. Diese äußeren Kräfte und Substanzen sind die Verursacher unseres wachen und eigenständigen Lebens. Und diese Substanzen und Eindrücke der äußeren Welt müssen wir jetzt nach ihrem Dasein fragen, wenn wir den Menschen nach seinen weiteren Sinnen verstehen wollen.

 

6. Der Geschmackssinn

Im Geruchssinn (siehe oben) korrespondierte der Geist des Menschen mit dem Geiste der äußeren Natur und erwachte an ihm. Im Geschmackssinn nun ergreift der Mensch die Stoffe der äußeren Welt, die sich noch nicht bis zum Geruch entzaubert haben. Er wendet sich an die Natur, und versucht im Geschmack zu ergründen, was ihm durch den Geruchssinn von außen kommend, im eigenen Inneren als Architekt seines Bewusstseins dient. Er versucht zu ergründen, wie dieser Architekt die äußere Materie formt, wie er sich in ihr verbirgt, oder anders gesagt, wie er selbst - der geistige Architekt des Menschen - in den Stoffen der Außenwelt ruht. Dazu löst er sie auf - sonst könnte er sie nicht schmecken - und erfühlt im Geschmack die wunderbaren geistigen Formkräfte der äußeren, göttlichen Welt. Zwischen dem Geschmackssinn und dem Geruchssinn liegt der Übergang vom Göttlichen der äußeren Natur zum inneren Geiste des Menschen. Das war auch der Übergang vom Gott zum Menschen, wie er uns in der Bibel geschildert wird. Erst nachdem Eva vom Apfel gekostet hatte, vermochte sie die Schöpferkraft Gottes in ihre eigene Vorstellungswelt aufzunehmen. Erst der Geschmack der Frucht Gottes erfüllte ihr Bewusstsein mit göttlichen Vorstellungen - welche dann aber zu menschlich wurden und aus dem Paradies herausführten. Geruchssinn und Geschmackssinn liegen eng beieinander. Sie sind wie Zwillinge, die in verschiedene Richtungen schauen, und bedingen einander. Der Geruchssinn weckt im menschlichen Geist, was als Geschmack in der Natur an Schöpferkräften verborgen liegt. Und es ist gewiss nicht an den Haaren herbeigezogen, wenn wir in Abwandlung des Wortes aus dem Johannesevangelium und im Hinblick auf diese beiden Sinne, sagen: „Ich (Geruch) und der Vater (Geschmack) sind eins". (Joh. 10,30) Der Vater ruht in den Stoffen der Welt. Das Ich lebt im Menschen auf. Doch sind sie eins, und sie geben sich gegenseitig das Leben in die Hand. Der Baum der Erkenntnis ist errungen. Im Geschmack erleben wir den Gott, der die Stoffe gebildet hat. (Das Süße war Heiterkeit, das Salzige -Ernst, das Bittere - Trauer, und das Saure war Schmerz.) Aber wir erleben sie nicht mehr so, wie sie geschaffen wurden, sondern wir erleben sie mit unseren eigenen Empfindungen. Das Göttliche der Natur wird nicht mehr geschmeckt. Unsere eigenen Empfindungen schieben sich dazwischen. Das, was sich in uns in Opposition zur Natur erlebte, wie wir das beim Tastsinn sahen, ist das, was uns jetzt durch die eigenen Empfindungen den freien Blick auf die göttliche Natur verbirgt. Der Geschmackssinn offenbart uns dieses Dilemma, denn er führt uns in die eigenen Sympathien und Antipathien des Erlebens. Im Geschmack trennen sich die Menschen. Den Geruch müssen alle Menschen gleichermaßen teilen, den Geschmack können sie sich wählen. Dabei ist es sogar möglich, durch persönliche Vorstellungen einer Empfindung den Geschmack zu verändern. Sagen wir nicht manchmal zu einem Kinde, welches eine bittere Medizin nicht einnehmen möchte: Stell dir einfach vor, es sei ein süßes Bonbon? Oder kennen wir nicht auch die Tatsache, dass uns in einer Hypnose der Geschmack einer Zitrone zum Schokoladengeschmack wird? Die Persönlichkeit des Menschen, die sich von der Geburt angefangen durch den Körper hindurch bis hin zum Erwachen des Geistes im Inneren entwickelt hat, vereitelt jetzt durch ihre individuell gefärbten Empfindungen das Erleben der Schöpferkräfte in den Offenbarungen der Natur. Nur die wahre Liebe zum Schöpfer kann, wie wir das beim Tastsinn sahen, dieses Göttliche wiederum offenbaren. Dafür aber müssen wir unsere eigenen Empfindungen und Vorstellungen gegenüber dem Geschmeckten opfern. Und was erleben wir dann im Geschmack? Wir erleben den Schöpfer der Natur. Wir erleben den, der uns aus dem Paradies entließ. Wir erleben den, der uns wieder zu sich ruft, wenn wir ihm unsere Empfindungen und Vorstellungen schenken. Und letztendlich finden wir unseren eigenen Ursprung innerhalb der göttlichen Natur wieder. Der Vater hat uns geschaffen und wir erleben uns an ihm. Es ist der Geschmack, der uns aus dem Kosmischen heraus zum Menschen macht. Schon beim Erwachen des Lebenssinnes und beim ersten Genuss der Muttermilch schmecken wir und werden durch den Geschmack immer wieder zur Aufnahme der Nahrung gedrängt. Und es ist eine Tatsache, dass der Geschmack, mit Hilfe des Geruches, den Menschen bis in alle Körperfunktionen hinein bildet. Er bildet uns aus dem Göttlichen heraus, auch wenn wir ihn in seiner Wahrheit nicht erkennen. Wir können also die gesunde Entwicklung des Menschen durch den Geschmack fördern. Und die gesunde Entwicklung steht für uns - auch in der Pflege der Menschen - an erster Stelle. Aber wie finden wir das Richtige einer gesunden Ernährung? Die Antwort finden wir nicht im Menschen - wir finden sie in der Natur. Und wir können durchaus sagen, dass uns die Substanzen, die pflanzlich an der Sonne gereift sind, ganz besonders durch ihren Geschmack fördern. Es ist die Natur der Pflanzenwelt, von den Wurzeln angefangen bis hin zu den Früchten und den Samen, an der sich der Mensch am gesündesten in seiner Göttlichkeit erlebt, bildet und in seiner körperlichen Form und Funktion gestaltet. Mit der pflanzlichen Kost liegen wir immer richtig.

 

7. Der Sehsinn

Der Geschmackssinn führte uns aus dem Inneren des Menschen in die äußere Natur. Doch erst mit dem Sehen über die Augen kommen wir im eigentlichen Sinne an die Außenwelt heran. Es ist damit auf den Moment hingewiesen, in dem die Eva, aus der Versucherszene der Bibel, dem Adam die Frucht zum Kosten reichte. Denn in diesem Moment, da Adam in die Frucht biss, - so heißt es in der Bibel - wurden ihm die Augen geöffnet. Er sah in das Licht der äußeren Welt. Und das Schwert des Erzengels - die Sonnenstrahlen - verbargen ihm das Paradies. Das ist die Realität, das ist der Sehsinn. Im Sehsinn wird die Welt klein, denn sie distanziert sich vom Menschen. (Menschen, die blind geboren wurden und dann erst - viel später - durch ein besonderes Ereignis plötzlich haben sehen können, beklagten sich über die Fremdheit und die Kleinheit der Welt.) Im Sehsinn erstirbt das Paradies, und die äußere Welt erscheint. Ja, das ist wirklich so. Allerdings bedingt das auch die Freiheit des Menschen und seine geistige Selbstständigkeit. Und damit rühren wir noch einmal an ein Grundgeheimnis der Unterscheidung der menschlichen und der tierischen Sinne. Denn wir wissen ja, dass auch die Tiere ihre Sinnesorgane entsprechend dem Menschen haben. Aber zum einen haben die Tiere jeweils bestimmte Sinnesorgane besonders gut ausgebildet, und zum anderen sind sie seelisch noch mehr mit diesen Sinnesorganen verbunden. Der Mensch hat sich zu einem großen Teil aus seinen Sinnesorganen zurückgezogen, hat sie ein bisschen mehr sterben lassen und hat dafür in seinem eigenen Inneren eine von der Außenwelt unabhängige und selbstständig denkende Seele bekommen, wie wir das schon beim Geruchssinn sahen. Wir haben beim Geruchssinn darauf hingewiesen, dass der Mensch - gegenüber dem Hund - nicht den ganzen Geruchssinn gebraucht, sondern sich einen Teil davon für die Bildung seiner Vorstellungen aufspart. So tut er es auch mit den anderen Sinnen. Von jedem Sinn behält er etwas zurück, das er dann für die Ausbildung seiner bewussten und freien Individualität gebraucht. Das ist die freie geistige Seite des Menschen. Beim Sehsinn macht es sich dadurch geltend, dass der Mensch in seinem Inneren, während er z. B. auf eine ganz bestimmte Farbe sieht, zur gleichen Zeit die Gegenfarbe entwickelt. Man nennt sie die Komplementärfarbe. Man kann sich das mit einem einfachen Versuch vergegenwärtigen. Wenn wir einige Zeit sehr konzentriert auf eine rote Fläche schauen und dann das Auge auf eine daneben sich befindende weiße Fläche richten, so sehen wir, wie auf dieser weißen Fläche die Komplementärfarbe des Roten, also das Grün, erscheint. Der Mensch bildet die Komplementärfarbe in seinem Inneren, um sich von der äußerlich gesehenen Farbe zu distanzieren, um sie zu erkennen. Blieben wir nur dem Rot verhaftet, und könnten wir nicht gleichzeitig die Gegenfarbe - Grün in unserem Inneren erzeugen, so käme uns das Rot nicht zum Bewusstsein. Doch das rein äußere Erkennen - wir sagten, dass die Welt vor unseren Blicken erstirbt - erfüllt die Sinneswahrnehmungen des Menschen auch mit rein materiellem Inhalt. Die Welt erstirbt geistig und seelisch vor den Sinneswahrnehmungen des Menschen. Unsere individuellen Vorstellungen schieben sich - wie die Komplementärfarben - dazwischen. Wir schauen heute auf eine Umwelt, die uns das Geistige und Seelische verbirgt. Wir schauen nur noch auf die Oberfläche der Dinge. Das muss sich wieder ändern. Wie kann sich das ändern? Es kann sich ändern, indem wir den erstorbenen Sinnen von innen heraus das Leben, das wir ihnen genommen haben, aus freiem Willen zurückgeben. D. h., indem wir mit dem Herzen sehen lernen. Wir müssen den Mut haben, dem Gesehenen aus unserem eigenen Inneren eine neue Seele zu geben. Wir müssen der göttlichen Welt unsere Vorstellungen schenken. (Wir sagten das schon beim Geschmackssinn.) Davor scheuen wir uns, weil wir denken, dass wir durch solch eine Aktion die Wirklichkeit der Welt verändern. Wir meinen nicht mehr objektiv zu sein, wenn wir die eigenen Vorstellungen mit dem Gesehenen verbinden. Dem ist auch so, nur mit einer entscheidenden Einschränkung: Wir verfälschen das Gesehene nicht, wenn wir ihm unsere Vorstellungen nur zur Verfügung stellen, damit es sich in ihnen selbst in seiner Wahrheit aussprechen kann. Das heißt, dass wir unsere Vorstellungen so bilden, dass sie nur die Bedingungen herstellen, in welchen sich das Gesehene in seiner geistigen Wahrheit zeigt. Nehmen wir an, wir schauen auf eine grüne Wiese. Dann können wir einmal nach unserer eigenen Empfindsamkeit das Grün beurteilen. Wir können es ganz persönlich schön oder hässlich finden. Oder wir bereiten unsere Seele darauf vor, dass sich uns das wahre Geheimnis des Grünen innerhalb unserer Seele zeigt. Dazu müssen wir ihm die Möglichkeit geben. Die geben wir ihm, indem wir uns zu allererst ganz unpersönlich und objektiv die Situation der Umgebung und der Erscheinung des Grünen zum Bewusstsein bringen. Wir leisten also eine vorstellende Gedankenarbeit, die nichts mit unseren Sympathien und Antipathien dem Grünen gegenüber zu tun hat. Wir überwinden unsere Distanzierung dem Gesehenen gegenüber, indem wir uns sagen: Vielleicht ist die Farbe Grün, wie ich sie sehe, gar nichts Objektives, vielleicht ist das Grün nur die Erscheinung einer bestimmten Empfindung dieses Wesens, das mir dadurch in dieser Farbe erscheint. Ich sage mir: Der Blick auf diese Farbe lässt mich ruhig, gibt mir Ausgeglichenheit und lässt mich frei. Sie will nichts von mir, sie ist wie ein sich zurücknehmendes Bild einer irgendwo anders stattfindenden Tätigkeit. Und da beginnt es schon zu vibrieren in meiner Seele, denn ich spüre plötzlich, dass diese Farbe nur der Ausdruck für eine sich mir verbergende Tätigkeit einer fremden Wesenheit ist. Ich nehme mich selbst zurück, frage nach dieser anderen Tätigkeit und bleibe offen für jedwede Antwort. Die Antwort gebe ich mir nicht selbst - das wäre Beeinflussung des Gesehenen - sondern ich lasse die Farbe antworten. Ich habe nur meine innere Seele der Sinnestätigkeit verbunden. Das darf ich, so wie ich auch das Sinnesorgan mit meinem Blute durchströmen darf. Aber die Antwort darf ich mir selbst nicht geben. Die Antwort kommt mir aus der Farbe. Und das ist die Antwort: Die grüne Farbe der Pflanzen ist das heutige Bild eines lang vergangenen Zustandes der Erde. Die grüne Pflanzenwelt ist das heutige Bild eines Zustandes, den die Erde in lang vergangenen Zeiten durchlaufen hat. Die Erde war Paradies, bevor wir sie von außen schauten, und heute ist sie nur noch eine Erinnerung an diesen Zustand. Hinter der grünen Pflanzendecke erscheint eine Welt aus reinem, geistigen Sonnenlicht, die im grünen Pflanzenblatt ihre Erinnerung zeigt. Sie zeigt einen Erdenzustand der Vergangenheit aus reinem Licht, der in der Pflanzendecke als Erinnerung zurückgeblieben ist. Und ich sehe, dass mein eigenes logisches, ruhiges, menschliches Denken, wie ich es heute habe, und meine bildhafte Logik aus der Wahrnehmung des heutigen Grünen stammen. Im damaligen Sonnenzustand der Erde konnte der Mensch noch nicht geistig wach denken, das kann er erst, seitdem ihm die Welt ein grünes Bild geworden ist. Aber damals, im Sonnenzustand der Erde und im Paradies, da wurden dem Menschen die Organe gebildet, die heute die Möglichkeit des logischen und abstrakten Denkens tragen. Mit dem imaginativen Blick des Herzens kann das Auge das Grün der Pflanzenwelt als Bild eines vergangenen Erdenzustandes wahrnehmen. Und wenn wir dann auf die alten russischen Ikonen schauen, wo aus dem Goldgrund heraus, also aus dem geistigen Licht, der Mensch mit seinen leuchtenden Augen und seinem wachen Geist erscheint, so sehen wir künstlerisch ausgedrückt, was wir vorher in der Natur sahen. Der Mensch ist aus dem Licht Gottes entstanden. Aber er hat es vergessen und sieht von dieser seiner eigenen Vergangenheit nur noch die grüne Farbe. Doch ohne die grüne Farbe der Natur wäre der Mensch gar nicht das, was er heute ist; er wäre nicht frei. Heute sieht er die grüne Farbe und ist frei. Nur in seinem Inneren trägt er als Erinnerung an den alten Sonnenzustand der Erde sein sonniges, waches Gemüt. Dieses Gemüt kann sich erinnern und kann die Wahrheit sprechen lassen. Man stelle sich vor, wie sich der tote Blick des Menschen auf die Natur verändert, wenn er seine abstrakten Vorstellungen von sich löst und die Natur gemütvoll sprechen lässt. Wie er lebendig, schöpferisch und liebevoll wird, wenn er das wahrnimmt, was den Menschen wirklich bildet. Dann wird er auch darauf achten, den anderen Menschen und vor allem den Kindern möglichst Schönes und Natürliches vor die Augen zu stellen. Er wird die Kunst und die Natur neu schätzen lernen und dem Auge das geben, was diesem Gesundheit, Licht und Leben vermittelt. In der Schönheit der Natur und in der Großartigkeit der menschlichen Kuns werke wird er seinen Schöpfer und sich selbst neu erleben.

 

8. Der Wärmesinn

Mit dem Sehsinn schauten wir in das Licht der Welt, mit dem Wärmesinn schauen wir in dessen Wärme. Und was der Sehsinn uns geistig zeigte, das vermittelt uns der Wärmesinn seelisch. Mit dem Wärmesinn nähern wir uns der Seele der Natur. Aber auch hier müssen wir uns der Freiheit wegen in einem gewissen Sinne von ihr distanzieren. Das tun wir, indem wir uns eine eigene innere Wärme schaffen, die in sich vollkommen unabhängig von der äußeren Wärme ist. Wir müssen, um gesund zu sein, immer eine gleichbleibende Temperatur von knapp 37° C haben. Nur in dieser Temperatur fühlen wir uns wohl. Mit dieser Wärme stellen wir uns der äußeren Wärme entgegen. Wir empfangen die äußere Wärme, werden an ihr kalt oder warm und bleiben doch vollkommen unabhängig von ihr. Die Temperatur unseres Blutes ist immer gleichbleibend stabil, egal wie sich die äußere Temperatur benimmt. Wird sie kälter als unser Blut, sind wir angehalten, innerlich Wärme zu erzeugen, wird sie wärmer schwitzen wir, um uns abzukühlen. Wir haben ein neuerliches Beispiel für die Eigenständigkeit des Menschen gegenüber der Natur im Gegensatz zu dem Tier. Die Tiere gehen mit den äußeren Temperaturen viel unbefangener um als der Mensch. Dieser muss sich gegenüber der äußeren Natur immer aufs Neue individualisieren und schützen. Kann er das nicht, wird er krank. Entweder erkältet er sich, oder er bekommt Fieber. Jedes Mal bei einer Erkältung oder beim Fieber sehen wir, wie auch die freie Persönlichkeit des Menschen unter diesen Zuständen leidet. Es gibt Bewusstseinstrübungen und im schlimmsten Fall Halluzinationen. Sobald die innere Wärme leidet, leidet auch die freie Wahrnehmung der menschlichen Seele. Es ist, als wenn das Sinnesorgan der Wärmewahrnehmung selbst geschädigt wäre. Und tatsächlich ist es so, dass unsere eigene innere Wärme von knapp 37° C das Sinnesorgan des Wärmesinnes ist, so wie das Auge das Sinnesorgan des Sehens ist. Mit unserer eigenen inneren Wärme nehmen wir die äußere Wärme wahr. Wir sind vom Öffnen der Augen des Adams im Paradiesesgeschehen, wie wir das beim Sehsinn sahen, zur Aufnahme der Welt in Liebe vorgedrungen. Denn die Liebe des Menschen erlebt sich in der Wärme der Welt. In Liebe verbinden wir uns der Wärme der Welt. Das ist der Wärmesinn. Und wie der Sehsinn durch eine Überfülle von Licht geblendet sein kann und dann im Dunkeln zeitweilig nicht mehr richtig sieht - bis er sich wieder an die Dunkelheit gewöhnt hat, oder wie er sich an die Dunkelheit gewöhnen kann, um sich dann von einer sonst normalen Lichtquelle blenden zu lassen, so kann sich der Wärmesinn an eine hohe Wärme gewöhnen und dann die normale Wärme als kalt empfinden, oder er gewöhnt sich an die Kälte und empfindet die normale Wärme als zu warm. Wir bestätigen uns das an dem klassischen Beispiel, dass man, vor einem Gefäß mit lauwarmem Wasser stehend, die rechte Hand in heißes Wasser und gleichzeitig die linke Hand in kaltes Wasser hält, um sie dann gemeinsam in das Becken mit lauwarmem Wasser zu tauchen. Die rechte Hand, die aus dem heißen Wasser kommt, empfindet dann das lauwarme Wasser als kalt, und die linke Hand, die aus dem kalten Wasser kommt, empfindet das lauwarme Wasser als heiß. (Das könnte man auch mit beiden Augen unterschiedlich am Licht erleben.) Aber der Wärmesinn lässt uns an die Gegenstände der Natur näher herantreten als der Sehsinn. Im Sehsinn bleiben wir normalerweise an deren Oberfläche und verbinden uns nur dem Licht, das uns von den Gegenständen zurückgestrahlt wird. Im Wärmesinn erfühlen wir schon ein wenig die Innerlichkeit der äußeren Natur. Doch ist die Wärme, die wir mit dem Wärmesinn wahrnehmen, auch noch in erster Linie eine stoffliche Wärme. Sie strahlt von den Gegenständen aus. Um tiefer zu kommen, um die Seele der Natur wirklich in der Wärme zu entdecken, müssen wir erst die eigene Liebe so steigern, dass sie eins mit der Weltenliebe wird. Dann können wir auch hier wiederum sagen: „Ich (Menschengeist) und der Vater (Natur) sind eins". (Joh. 10,30) Hinter der Wärme der äußeren Welt lebt die göttliche Liebe der Welt. Doch das empfinden wir nicht mehr. Wir empfinden nicht mehr den geistigen Ursprung der Wärme und ihren seelischen Gehalt. Ja, wir bezweifeln sogar, dass es ihn überhaupt gibt. Wie aber können wir unseren Wärmesinn bilden, damit ihm die seelischen Qualitäten der von außen empfundenen Wärme erscheinen? Denken wir noch einmal an den Sehsinn. Bei ihm, so sagten wir, müssen wir die entsprechenden Bedingungen in unseren Vorstellungen herstellen, damit sich das Geistige hinter dem Wahrgenommenen zeigt. Und da hatten wir das Beispiel des grünen Pflanzenblattes gewählt. Im grünen Pflanzenblatt fanden wir das Licht aus lang vergangenen Erdenzuständen, das sich im Bilde offenbart. Bei der Wärme nun ist es ganz ähnlich. Nur dass die Wahrnehmung mehr im Seelischen als im Geistigen verläuft, und dass wir bei der Wärme die seelische Liebe als Erkenntnisorgan einsetzen müssen. Wir spüren ja, dass unsere Liebe irgendwie auch mit unserer Wärme verbunden ist, und wenn wir die Eigenliebe opfern, um die Weltenliebe zu empfinden, sehen wir, dass hinter der äußeren Wärme die Liebe steht. Nur nicht gegenwärtig sondern als Erinnerungszustand aus lang vergangener Zeit. Heute ist die Wärme physisch, doch vor langer Zeit entsprang sie aus der Liebe Gottes. Allerdings müssen wir, um den Ursprung der Wärme in der Liebe Gottes zu finden, noch weiter zurückgehen, als beim grünen Pflanzenblatt. Beim grünen Pflanzenblatt waren wir bis zu einem Lichtzustand der Erde zurückgegangen. Bei der Wärme müssen wir bis zu einem Liebeszustand gehen. Aus der Liebe Gottes ist die Erdenwelt entstanden. Und die Erinnerung daran kommt uns heute aus der Wärme der äußeren Welt entgegen. Damit sind wir wieder angekommen bei der Wärme des Blutes, die beim Menschen konstant etwa 37° C betragen muss. Diese Wärme wird uns von der menschlichen Natur gegeben. Es ist die Wärme, die uns hilft, die äußere Wärme wahrzunehmen. Sie verhält sich so, wie die Komplementärfarbe des Auges. Sie individualisiert sich und stellt sich der Außenwelt gegenüber. Gleichzeitig aber braucht sie die dauernde Anregung der äußeren Welt, um sich selbst zu empfinden, wie das Auge das Licht braucht, um zu wachen. Wird es vor dem Auge dunkel, so sind wir in Gefahr einzuschlafen, wird es um uns herum kalt (eiskalt), sind wir in Gefahr zu sterben. Die Seele braucht die Wärme, wie das Auge das Licht. Doch wie der Mensch durch seinen leuchtenden Gedanken in einem eigenen inneren Licht leben kann, so kann er auch aus seiner Seele heraus eine eigene innere Wärme erzeugen. Sein seelisches Empfinden kann sich in gefühlte Wärme verwandeln, z. B. durch ein in Liebe empfangenes Wort. Durch ein in Liebe empfangenes Wort, durch einen liebenden Blick oder durch einen moralischen Gedanken, kann es dem Menschen ganz warm ums Herz werden. Die Wärme, die in der Seele des Menschen durch die Liebe entsteht, ist tatsächlich die einzige bewusste übersinnliche Wärme, die es auf Erden gibt. Es ist die moralische Wärme der Seele. Es ist die Wärme, die wirklich keinen Stoff zu ihrer Grundlage braucht, sondern die sich erst, wenn sie moralisch entstanden ist, am Stoff offenbart. Die Empfindung der Liebe kann unsere Seele erwärmen und erwärmt nach ihrer Entstehung auch das Blut des Menschen. Und geben wir diese selbstlose Liebe dann an die äußere Natur weiter, so offenbart sie uns in ihrer Wärme ihre eigene Entstehung aus der Liebe Gottes heraus. Daran sehen wir die Notwendigkeit der inneren und äußeren Wärme und ihre gegenseitige Harmonisierung. Ohne Wärme von innen erlischt die Seele des Menschen und ohne Wärme von außen erstirbt die physische Welt. Geben wir dem Menschen eine warme Hülle in physischer und seelischer Hinsicht, so gedeiht er, öffnet sich und kann sich in Freiheit zu einer höheren Erkenntnis erheben. Geben wir ihm Kälte und Lieblosigkeit, so verkümmert er und stirbt.

 

9. Der Hörsinn

Nun sind wir über den Geschmackssinn, den Sehsinn und den Wärmesinn bis zum Hörsinn vorgedrungen. Das Geschmackserlebnis war als eine noch innere Sinneswahrnehmung ein rein empfindungsmäßiges Erlebnis. Das Licht des Äußeren war im Inneren eine geistige und die Wärme eine seelische Offenbarung. Ein noch intimerer, innerer Vorgang aber ist nun das Hören. Ihm entspricht in der äußeren Welt die Luft. Und damit sind wir an einem Punkt angekommen, wo sich Mensch und Welt sichtbar trennen. Denn im Gegensatz zur Wärme ist die Luft auch physisch wahrnehmbar. (Nehmen wir die Wärme auch physisch wahr, so liegt das daran, dass sie die äußeren Gegenstände erwärmt. Sie selbst, und auch das Licht, sie sind noch keine reinen physischen Qualitäten.) Aber die Luft ist schon Außenwelt. Und die Luft trägt den Ton an das menschliche Ohr heran. Damit sind wir beim Hörsinn angekommen. Aber wie erleben wir das Hören? Zwar lokalisiert sich der Hörsinn in den inneren Organen des Ohres, die uns zur Bewusstwerdung des Tones dienen, doch wird der Ton schon vor der Bewusstwerdung durch das Ohr mit dem ganzen Körper des Menschen wahrgenommen. Dort, im ganzen Körper des Menschen, erlebt sich der Ton als Schwingung. Und als Schwingung der Luft ist er auch im Äußeren vorhanden. Das heißt, dass der Ton, also das Erlebnis des Tones, erst im Ohr des Menschen, oder auch des Tieres, entsteht. Im Äußeren ist der Ton nicht vorhanden. Dort gibt es nur die unterschiedlichen Schwingungen der Luft. Und sie können auf die unterschiedlichste Weise entstehen und transportiert werden. Doch das Erlebnis des Tones entsteht erst im Ohr. Das heißt aber nichts Geringeres, als dass der Geist der Luft seinen Platz im Menschen eingenommen hat. Und jetzt können wir handgreiflich fassen, wie der Geist im Menschen entsteht. Hinter der Luft im Äußeren steht der Geist Gottes. Und dieser erwacht im Inneren des Menschen mit dem Erlebnis des Tones. Der Geist im Menschen - und das ist das Erschütternde - ist der Geist der Natur, der diese ins Physische hat fallen lassen (in die Luft), um sich selbst im Inneren des Menschen zu erleben. Mit der physischen Luft im Äußeren und dem Erlebnis des Tones im Inneren, beginnt die Inkarnation des freien Geistes des Menschen. (Natürlich entsteht der Geist auch im taubstummen Menschen, da der Ton ja nicht nur im Ohr, sondern - wie gesagt - auch im ganzen Körper des Menschen wahrgenommen wird.) Die Luft zeigt uns die Außenseite des Tones, und durch sie entsteht im Inneren des Menschen die Grundlage seines freien Geistes. Aber wie nehmen wir den Geist der Luft im Inneren wahr? Bei den anderen Sinnen des Menschen sahen wir, dass dem äußeren Eindruck eine innere Kraft entgegenstand. So stand z. B. dem äußeren Licht das innere Licht des Menschen entgegen - wir sahen das an den Komplementärfarben - und der äußeren Wärme stand eine innere Wärme von kontinuierlich 37° C gegenüber. Und bei der Luft steht im Inneren des Menschen der äußeren Luft ein seelisch- physischer Luftorganismus gegenüber. Eingepflanzt wird er dem Menschen durch den Atem. Wir nehmen die Atemluft auf, stoßen uns an ihr (unser Blut färbt sich rot) und geben sie dann wiederum nach außen ab. Wir müssen uns an der Luft stoßen und das Unverwandelte zurückweisen, damit wir uns von ihr individualisieren. Denn nichts Fremdes darf im Menschen anwesend bleiben, weder die Luft, noch die Wärme, noch das Licht. Alles muss im Inneren des Menschen neu entstehen. Selbst der von außen aufgenommene Sauerstoff ist nur die Anregung zur Erzeugung des lebendigen Luftstromes im Inneren des Menschen. Seine Anregung erzeugt die lebendige Kraft des innerlichen Menschen. Und das neu Entstandene, der innere, geistige Luftorganismus, ist dann die Grundlage des Hörsinns. Der geistige Luftorganismus, anders gesagt: der Geist der Luft kommt uns im Tonerlebnis zu Bewusstsein. Es kommen die Bewegungen der Luft an uns heran, und wir erleben im Inneren ihre Töne. Doch lassen wir die einzelnen Töne durch unseren Organismus nicht ungeordnet, sondern geben ihnen einen neuen Zusammenhang. Wir nehmen den Geist der Natur im Ton auf, vervollkommnen - d. h. veredeln ihn und geben ihn so - im Singen, Musizieren usw. an die Natur zurück. Dadurch führen wir auch die Natur zu einer neuen Harmonie. Wir sind schöpferisch und können tanzen, singen, sprechen usw. Der Mensch hat als einziges Wesen der Welt die Möglichkeit, die Geräusche und Töne der äußeren Welt durch sich hindurch, also durch seinen eigenen inneren Menschen hindurch, zu einer neuen, sinnvollen Tonfolge - sprich, zu einer Harmonie zu formen. Der Mensch schafft aus den klingenden Stoffen und Geräuschen der Welt wunderbare Tonfolgen, Musikstücke und Konzerte. Der Mensch vervollkommnet die Welt in der Schöpfung seiner Musik. Diese wiederum kehrt dann auch musikalisch auf ihn zurück - im Hören der entsprechenden Musikstücke - und verwandelt ihn bis in seine inneren Organe hinein. Der Mensch ist durch die Schöpfungen der Musik zum Welten- und Menschengestalter geworden. (Wobei es natürlich auch hier, wie bei den Gerüchen, aufbauende und abbauende Qualitäten gibt.) Die vom Menschen geschaffene Musik bildet die Welt und den Menschen zu vollkommeneren Wesen, als sie vordem waren. Es ist die gesunde Harmonie in der Musik, die den gesunden Menschen in seiner musikalischen Schöpfung zeigt. Daran sehen wir, wie wichtig und menschlich fördernd die Wahrnehmung der Musik für den Menschen ist. Die Mutter singt in Gegenwart ihres Kindes, die Künstler schenken den Menschen Einigkeit und Harmonie, und die Therapeuten führen den Menschen durch die Musik zur Gesundheit.

 

10. Der Wortesinn

Wenn sich der Ton zum Wort gestaltet und dieses als Wort verstanden wird, so geschieht das durch den Wortesinn. Die Verbindung von Konsonanten und Vokalen ergibt ein Wort, egal in welcher Sprache und egal, ob wir es verstehen oder nicht. Wir nehmen wahr, dass es ein Werk des Menschen ist - eben ein Wort. Wir nehmen wahr, dass es im Weltengefüge eine neue Schöpfung darstellt, die noch nirgendwo in der Natur vorgegeben war. Wir nehmen das Wort als eine Schöpfung aus dem Geiste des Menschen heraus wahr. Dieses Wahrnehmen des übersinnlich neu Geschaffenen, das Erkennen der menschlichen Schöpfung in dem Gehörten, das ist der Wortesinn. In den Worten aber haben wir, fortschreitend vom Hörsinn, eine weitere Inkarnationsstufe des Weltengeistes im Menschen vor uns. Und wenn sich zum Hören des Tones im inneren des Menschen gleichzeitig nach außen hin die Luft verdichten und opfern musste - sie offenbarte ja, wie wir sagten, ihren eigenen Geist im inneren des Menschen - so muss sich folgerichtig zum Wahrnehmen des Wortes im Inneren des Menschen auch nach außen hin ein weiterer Verdichtungszustand ergeben. Dieser weitere Verdichtungszustand ist die Bildung des Wassers. Nach außen hin verdichtet sich die Luft zum Wasser und im Inneren des Menschen erhöht sich der Ton zum Wort. Der Geist, der in der Schöpfungsgeschichte über dem Wasser schwebte: „Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser." (Gen. 1,2), dieser Geist inkarniert sich jetzt durch das Wort im Menschen, und zwar noch um eine Stufe höher als der Ton. Somit müssen wir, um den Wortesinn wirklich zu verstehen, einen weiteren Schritt ins Übersinnliche hinein tun. Das Wort wird Selbsterlebnis im Seelisch-Geistigen des Menschen. Von dort aus teilt es sich den anderen Menschen mit und offenbart sich als ein sich selbst gestaltendes, schöpferisches Wesen. Im Äußeren aber lässt es das Wasser zurück. Luft und Wasser sind also die äußeren physischen Korrelate von Ton und Wort im Inneren des Menschen. Was aber stellt sich dem zu empfangenden Wort im Inneren des Menschen entgegen, so wie sich das innere Licht dem äußeren Licht und der innere Luftorganismus dem äußeren Luftstrom entgegenstellten? Das ist der Lebensorganismus, den wir schon beim Lebenssinn angesprochen hatten und der sich an der Aufnahme der flüssigen Nahrung heranbildet. Die lebendigen Ströme des Wassers durchlaufen den Menschen und geben ihm die Empfindung des Lebens. Und in dieses Leben hinein schreibt sich jetzt das gestaltende Wort, das vom anderen Menschen empfangen wird. Im strömenden Leben des Menschen haben wir den Wortesinn. Mit den Strömen des Lebens bekommen wir auch unsere Muttersprache. Denn überall auf der Welt laufen die Lebensströme so, wie die Erde sie formt. Und überall auf der Erde entstehen andere Sprachen und mit ihnen andere Worte. Doch der Inhalt der Worte, der in den gesprochenen Sätzen zum Ausdruck kommt, fällt schon in den Gedankensinn. Aber auch das einzelne Wort hat einen Sinn in sich. Das ist seine gestaltende Kraft. Die Worte haben gestaltende Kraft und formen den Menschen dahin gehend, dass er reif wird, das geistige Wesen der Welt, das ja nur durch das Wort herbeigerufen wird, aber nicht im einzelnen Wort liegt, dem Menschen zu Bewusstsein zu bringen. Aber durch das einzelne Wort wird noch nicht der Zusammenhang mehrerer Worte, der zum Verständnis einer Idee gehört, und den wir auch brauchen, um auf den Menschen zu wirken, begriffen. Der Sinn des einzelnen Wortes liegt dann nur in der Formung und dem Klang der Laute. Doch führen die Worte nach und nach in ein Wiedererkennen: Mama, Papa, Baum, Auto usw. und damit in den Beginn des Verstehens hinein. Aber wir können die Worte auch genießen, ohne einen Sinn mit ihnen zu verbinden, so wie wir uns an manch schön klingendem Wort einer fremden Sprache erfreuen können, ohne dessen Sinn zu verstehen. Die Formkraft des einzelnen Wortes dürfen wir dabei durchaus nicht unterschätzen. Es ist gut und wichtig für die anderen Menschen wie auch für uns selbst, deutliche und geformte Worte zu sprechen. Denn das bildet den Menschen noch stärker als der Ton. Ein schön gesprochenes Gedicht, auch wenn sein Sinn nicht erkannt wird, hat eine enorm gesundende Wirkung auf die Form- und Lebenskräfte des Menschen. Und es gibt noch eine andere Möglichkeit, den Wortesinn zu schulen und damit die Bildung des Menschen zu fördern. Das ist die Lauteurythmie, die von Rudolf Steiner geschaffen durch die Bewegungen des ganzen Körpers Worte bildet und formt. Durch sie wird der Wortesinn gefördert und die gestaltende Kraft im Menschen angeregt. Der Mensch gesundet an der eurythmischen Bildung der Worte.

 

11. Der Gedankensinn

Wir müssen, um den Gedankensinn zu begreifen, noch über das einzelne Wort hinausgehen, denn das Wort ist nur ein Teil desjenigen Wesens, welches das Wort geschaffen hat. Das Wort entsteht aus dem Geiste des Menschen, und der Geist hat viele Fenster, um sich zu zeigen. Verschiedene Sprachen geben verschiedene Fenster. Aber der Geist, der sich offenbaren will, ist von den Fenstern unabhängig, er ist eine Einheit in sich, eine Monade. Heute ist es nur der Mensch, dem das Wort zur Verfügung steht, doch im Urbeginne, als der Mensch noch nicht geschaffen ward, da klang es - nach dem Evangelisten Johannes - so: „Im Urbeginne war das Wort". Das steht hier im Zusammenhang mit dem Wortesinn. „Und das Wort war bei Gott" Da kommt der Gedankensinn hinzu. (Da wird uns gesagt, dass das Wort im Geiste Gottes lebte. Das Wort bekommt aus dem Gedanken Gottes seinen Sinn.) Das Wort stammt also ursprünglich aus der Gottheit selbst und der Gedanke Gottes stand hinter der Schöpfung der Welt. Und wenn der Mensch heute seine Worte schafft und sie verstehen will, so muss er ihren Sinn denken und verstehen können. Dazu erhebt er sich noch um eine Stufe über das Wort hinaus und nimmt im Geiste wahr, was dem Wort seinen Sinn gibt: den eigenen Gedanken und den Gedanken des anderen Menschen. Das ist der Gedankensinn. Doch wo sich nun im Inneren des Menschen eine weitere Kraft zum Geiste erhebt, fällt auch im Äußeren der Natur eine weitere Kraft vom Menschen ab. So wie wir das beim Hörsinn und Wortesinn sahen. Diese beiden Sinne bescherten uns die Luft und das Wasser im Äußeren. Hier, beim Gedankensinn, tritt dem rein geistigen Verstehen des Gedankens im Inneren des Menschen, in der äußeren Welt die Gesteinswelt entgegen. Der Gedanke Gottes, der einst die Welt formte, zeigt sich uns in den Gebirgen der Welt. An den äußeren Steinen stößt sich die Gedankenwelt des Menschen und erwacht im eigenen Inneren. Jedem fest gefügten gedanklichen Begriff im Inneren des Menschen entspricht im Äußeren eine abstrakte und fest gefügte Form der Natur. Das sind die Formen, die wir in den Gesteinen wiederfinden. Gäbe es keinen festen Boden unter den Füßen des Menschen, so gäbe es auch kein klares und waches Denken des Menschen. Beides muss sich aneinander erleben. Und durch den Gedankensinn haben wir dafür einen Sinn. Es ist der Gedankensinn, der den Menschen zur geistigen Wahrnehmung erhebt. Im Äußeren sehen wir die Luft, das Wasser und die Gesteine, im Inneren erleben wir den Ton, das Wort und den Gedanken. Somit haben wir eine physische Dreiheit im Äußeren: Luft Wasser und Stein und eine geistige Dreiheit im Inneren: Ton, Wort und Gedanken. So steht der geistige Mensch der physischen Welt gegenüber, und doch sind sie eine Einheit. Aber nun müssen wir uns noch fragen, womit der Mensch in seinem Inneren den Gedanken erlebt. Den Ton erlebte er mit seinem inneren Luftorganismus, das Wort mit den flüssigen Lebenskräften und den Gedanken? Den Gedanken erlebt er mit einer inneren Kraft, die wir erst bei der Besprechung des Ichsinns abschließend besprechen können. Es stellt sich nämlich der äußeren Gesteinswelt im Inneren des Menschen die physisch-geistige Individualität des Menschen selbst entgegen. Und diese physisch-geistige Individualität ist etwas so Geheimnisvolles, dass wir sie nicht ohne den geistigen Wesenskern, also das „Ich" des Menschen, durchschauen können. Aber hier können wir schon soviel sagen, dass die Materie, die in den Menschen eindringt, von seiner Individualität soweit überwunden wird, dass der Mensch den Gedanken verstehen kann. Im Inneren des Menschen wird die Materie selbst zum Geist, weil ein unabhängiger innerer Geist - das Ich des Menschen - sie empfängt. Eine geistig-physische Wesenheit stellt sich somit der Materie entgegen, so wie sich die Komplementärfarben dem Licht und die innere Wärme des Blutes der äußeren Wärme entgegenstellten. Und wenn sich der Gedanke in diese geistig- physische Wesenheit des Menschen, die aus der Überwindung der Materie entstanden ist, einschreibt, so kann er im Geiste des Ich wahrgenommen werden. Aber auch der Gedanke, der dem Worte mitgegeben wird, stammt aus dieser geistigen Wesenheit, aus dem Ich des Menschen. Deswegen berühren uns die Worte so tief persönlich, weil wir wissen, dass sie aus einer geistigen Individualität stammen, die sich uns im Gedanken offenbart. Worte können aufbauen oder zerstören. Ein Wort kann fördern, verletzen, schmeicheln oder verhöhnen, da es ja doch jedes Mal der Gedanke ist, der dem Wort die entsprechende Wirkung verleiht. Ein nicht verstandenes Wort in einer fremden Sprache lässt uns gleichgültig. Ein verstandenes Wort aber, das auf seinen Flügeln eine Idee transportiert, wird durch den Gedankensinn wahrgenommen und nach den eigenen Möglichkeiten beurteilt und gewertet. Der Gedankensinn lässt uns die Absichten spüren, die hinter den Worten - oftmals verborgen - liegen. Goethe sagt: „So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt." (Torquato Tasso II, 1. Auftr.) Oder wie es der Volksmund sagt: „Nachtigall ik hör dir trapsen." Auf jeden Fall ist es so, dass der Gedanke - oder vielmehr das Wahrnehmenkönnen des Gedankens, den Menschen erst zu einem sozial gestalteten Wesen machen. Im Gedankensinn nimmt er Anteil an dem Geist des anderen Menschen, wobei wir, wie wir schon sagten, bedenken müssen, dass die individuelle Beurteilung eines ausgesprochenen und wahrgenommenen Gedankens von großer Bedeutung ist. Bei einer mathematischen Aussage ist das nicht der Fall, aber bei einer Aussage, die auf das Gemüt oder die soziale Wahrnehmung zielt, ist das in hohem Maße so. Ein falsch verstandenes Wort, ein Gedanke, der falsch interpretiert wird, kann einen Menschen seelisch vernichten. Denn der Gedanke ist ein Bildner des Menschen aus dem Geiste heraus. Daraus ersehen wir - weil es nicht auf die Worte, sondern auf den sie tragenden Gedanken ankommt - wie wichtig es ist, sich in einer Diskussion, wo mit vorstellenden Gedanken argumentiert wird, über den geistigen Inhalt der gebrauchten Worte zu verständigen. Dadurch reinigen wir den Gedankensinn. Der Gedanke steht über jeglicher Sprache und es ist nur eine Frage des guten Willens, sich unabhängig von den unterschiedlichsten Worten, gedanklich zu verständigen. Aber es gibt noch einen anderen Weg, den Gedankensinn nicht nur zu reinigen, sondern ihn bis zur Hellsichtigkeit zu erheben. Das ist der Weg der meditativen Versenkung. In der Meditation wird zuerst das Verhältnis zum Gedanken selbst gesucht, indem man sich denkend über das Denken informiert. Z. B., wenn man sich sagt: „Ich denke meinen Gedanken". Dann hat man in diesem Gedanken nicht einen äußeren Inhalt, sondern der Gedanke, der gedacht wird, ist der Inhalt. Man befindet sich in einem Bereich, wo sich der Gedanke selbst denkt. (Siehe: „Die Philosophie der Freiheit" von Rudolf Steiner.) In dieser Tätigkeit nimmt er sich als selbstständige Wesenheit in seiner eigenen Tätigkeit und unabhängig vom physischen Organismus wahr. Er nimmt die übersinnliche Person wahr, die den Gedanken denkt. Und damit sind wir beim letzten unserer Sinne angelangt, beim Ichsinn.

 

12. Der Ichsinn

„Im Urbeginne war das Wort" (Wortesinn). „Und das Wort war bei Gott" (Gedankensinn). „Und ein Gott war das Wort" (Ichsinn). Diese Anfangsworte des Johannesevangeliums geben wieder, wie ein

Gott das Wort aussprach. Ein Gott sprach sich am Urbeginne selbst aus. Denn um ein Wort auszusprechen, braucht es drei Kräfte: Das Wort, den Gedanken und die sprechende Person. Auch der Mensch spricht sich selbst aus, wenn er aus seiner Persönlichkeit heraus, also aus seinem „Ich", die Worte formt. Und wenn er die Persönlichkeit wahrnimmt, die das gedachte Wort ausspricht, so tut er das mit dem Ichsinn. Es ist nicht das „Ichbewusstsein" von dem hier gesprochen wird, sondern der Ichsinn. Das Ichbewusstsein ist ein Bewusstseinszustand. Der Ichsinn ist ein wahrnehmender Sinn. Das Ichbewusstsein kann selbstsüchtig und irreführend sein. Der Ichsinn ist immer selbstlos und wahrheitsweisend, denn er ist ein Sinn und wie alle Sinne, nimmt er sich selbst zurück um etwas anderes in seiner unverfälschten Reinheit wahrzunehmen. Das ist auch bei den anderen Sinnen so. Würde das Auge die Dinge, die es sieht, nach seinen eigenen Maßstäben messen, so gäbe es keine objektive und wahrheitsgemäße Weltenwahrnehmung. Natürlich, wie gesagt, können wir das Auge zu einem höheren Erkennen entwickeln, doch muss diese Entwicklung in jedem Falle von einer unverfälschten Wahrnehmung ausgehen. Und so ist es auch mit dem Ichsinn. Der Ichsinn nimmt den göttlichen Kern des Menschen wahr, der der Schöpfer des gedankendurchdrungenen Wortes ist. Aber wo und wie nimmt er ihn wahr? Er nimmt ihn wahr am anderen Menschen, und er nimmt ihn wahr in sich selbst. Am anderen Menschen kann er ihn aber nur wahrnehmen, wenn er selbst das ist, was er wahrnehmen will: wenn er selbst ein „Ich" ist. Das eigene Ich ist dann das Sinnesorgan für das Ich des anderen. Im eigenen Inneren kann sich das Ich aber nur mit Hilfe des Gedankens wahrnehmen. D. h., dass sich der Gedanke, wenn er sich auf sich selbst besinnt, von der Person ausgehend fühlt, die ihn geschaffen hat. „Ich denke meinen Gedanken", sagt sich das Ich und nimmt sich selbst in seiner Tätigkeit wahr. Die Tätigkeit des Denkens im eigenen Selbst ist dann der Boden für den Ichsinn im eigenen Inneren. Aber da sich ein Sinnesorgan - wie wir sagten - in seiner Tätigkeit selbst zurücknehmen muss, um etwas anderes wahrzunehmen, nimmt es sich dann nicht mehr als Gedanke wahr, sondern es nimmt sich als Ich wahr, welches übersinnlich den Gedanken erst geschaffen hat. Dann aber hat sich auch der Gedanke verwandelt. Denn mit dem Gedanken, den wir uns von den Eindrücken der Außenwelt geben lassen, können wir unser göttliches Ich nicht wahrnehmen. Mit diesem Gedanken stärken wir nur unser Ichbewusstsein, das aber noch keinen freien Bezug zum wahren Ich des Menschen hat. Nur der Gedanke, der sich frei von allen Eindrücken der Außenwelt in sich selbst erschafft, ist der richtige Boden zum Wahrnehmen des Ichs. Und mit diesem Ich sehen wir dann auf das Ich des anderen Menschen. Das ist der Ichsinn. Wir sehen das Ich des anderen Menschen mit dem selbstlosen Gedankensinn - dem Ichsinn, der das eigene göttliche Wahrnehmen - das eigene Ich - als Sinnesorgan nutzt. Ja, wir sehen etwas Göttliches, wenn wir unser selbstloses Ich in die Wahrnehmung bekommen. Und es liegt uns fern, einem Menschen, dessen Ich wir wahrnehmen, zu schaden. Das göttliche Ich im Menschen, das das göttliche Ich des anderen Menschen wahrnimmt, empfindet immer Liebe zu diesem anderen Ich, denn der Gott im Menschen ist die Liebe. Und das Ich im anderen Menschen ist aus dem gleichen Stoff gemacht, wie das Ich im eigenen Selbst. Nur das an die Persönlichkeit gebundene Ichbewusstsein könnte dem widersprechen. Aber zurück zum Urwort und zur Schaffung der Welt. Wo ist das Ich, der Gott, der das Urwort sprach? In der göttlichen Natur, die durch das Wort geschaffen worden ist, sehen wir ihn nicht. Und wir sehen ihn auch nicht in den Wolken und auch nicht im äußeren Gang der Gestirne. Wo sehen wir dieses Ich? Wir sehen es in der Form und der Bildung des Menschen. Wir sehen es in dem eigenartigen zarten Wesen des Menschen, das durch die Natur schreitet und der Natur doch so fremd geworden ist. Es trägt ja in sich - wie wir das bei allen Sinnen sagten - die geistige Seite der äußeren Natur. Es trägt in seiner Form und in seinem Ausdruck den Geist, d. h. das Ich der äußeren Welt. (Die gesamte Natur schaut auf den Menschen als auf ihr Ich.) Und das innere Ich des Menschen, das sich denkend ergreift und sich dann doch eins weiß mit dem Ich der göttlichen Natur, ist Vater und Sohn zugleich: „Ich und der Vater sind eins". (Joh. 10,30) Das ist die physisch-geistige Individualität, von der wir beim Gedankensinn sprachen. Jetzt erst können wir sie abschließend behandeln. Eine geistig-physische Wesenheit, so sagten wir, stellt sich der äußeren Materie entgegen und erlebt sich als Mensch. Nirgendwo in der Natur sehen wir - außer im Menschen - Physisches und Geistiges gleichzeitig. Der Geist, das Ich Gottes, zeigt sich in der Gestalt und dem Ausdruck des Menschen. („Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." Joh. 1,14) Natürlich zeigt er sich nicht immer im einzelnen Menschen, der nur sein eigenes Ichbewusstsein liebt und von Gott abgefallen sein kann, aber er zeigt sich in der geistig-physischen Idee des Menschen. Und wenn sich das innere Ich des Menschen an dieser physisch-geistigen Idee tatsächlich erkennt, ist es gesund und wiederum mit Gott - seinem Vater, vereint. Das ist letztendlich der Geist des Christus, der des Menschen Persönlichkeit zum göttlichen Ich veredelt und mit dem Vater neuerlich vereinigt. („Niemand kommt zum Vater, denn durch mich". Joh. 15,6) Nun wissen wir auch das Geheimnis zu deuten, warum der Mensch sein Ich nur in Verbindung mit dem anderen Menschen entwickeln kann. Denn wir haben durch die Wolfskinder - das sind Kinder, die von Wölfen großgezogen wurden - anschaulich gelernt, dass des Menschen Ich das Ich des anderen Menschen braucht, um sich zu entfalten. Die Wolfskinder benahmen sich wie Wölfe, und erst als sie in Verbindung mit dem Menschen kamen, richteten sie sich auf, lernten sprechen und denken und erlebten sich als ein „Ich". Der Ichsinn entwickelt sich durch die Wahrnehmung des anderen Ich. Deswegen muss es auch ein Ich von Anfang an gegeben haben, an dem sich das Ich des Menschen entzündet hat. Und die Geschichte von der Erschaffung des Menschen nach dem Ebenbild Gottes wird uns plötzlich sehr verständlich. Von Anfang an müssen sich Mensch und Gott - Gott und Adam -gegenübergestanden haben, und mit jeder physischen Geburt wird dieses Bild erneuert und mit jeder Ich- Geburt die Flamme Gottes von Mensch zu Mensch weitergetragen. Das führt uns zurück an den Anfang unserer Betrachtungen. Es führt uns zurück zum Lebenssinn, den wir erstmalig bei der Geburt des Menschen haben in Erscheinung treten sehen. Der Lebenssinn vermittelt das erste zarte Selbstgefühl im Inneren des Menschen, welches sich dann durch die anderen Sinne hindurch weiterbildet, und dem dann zur gegebenen Zeit die Flamme des „Ich bin" vom anderen Ich - vom anderen Menschen - gereicht wird. Verbindet sich nun dieses Selbstgefühl - das Selbstbewusstsein des Menschen, das so wie einst Adam aus der göttlichen Schöpfung entstanden ist - mit dem „Ich bin" und nimmt sich im Ichsinn selbst wahr, so erlebt es in sich die neuerliche Vereinigung von Gott-Vater und seinem Geschöpf, dem Adam. Es wird zum „Neuen Adam". Denn das freie und göttliche „Ich" des Menschen hat die Aufgabe sich selbst in Gott zu erkennen. Ja, in aller Demut, sich selbst in Gott zu erkennen. Alles bleibt uns fremd, dem wir im Äußeren begegnen. Alles müssen wir von uns trennen, um uns eigenständig im Inneren zu formen und zu erleben. Nur das Ich, das von Mensch zu Mensch getragen wird, und das Ich im eigenen Inneren, sie müssen äußerlich und innerlich ungetrennt erkannt werden. („Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." Mt. 18,20) Aber dann sind wir auch Natur und Mensch zugleich, weil sich das Ich der göttlichen Natur im Menschen selbst erkennt und wahrnimmt. Wir sehen die Besonderheit des Ichsinns und können jetzt auch ermessen, was es für uns und für den anderen Menschen bedeutet, wenn wir diesen Sinn in uns ausbilden und fördern. Wir erkennen jetzt, was es bedeutet, wenn wir uns im Gottes-Ich selbst erkennen, wenn wir durch den Ichsinn in uns selbst Gott erleben. Dann machen wir dieses unser Gottes-Ich zu einem, von unserer Persönlichkeit unabhängigen, freien Wesen, das imstande ist, die eigene Persönlichkeit und das Ich des anderen Menschen zu veredeln, zu fördern und zu gesunden. Denn das Ich des anderen Menschen bildet sich an unserem Ich, an unserer veredelten Persönlichkeit - und wir bilden uns an seinem Ich, wenn auch dieses Ich den Gott in sich gefunden hat. Wir können uns gegenseitig fördern oder zerstören, in dem Maße, wie wir uns selbst fördern oder zerstören. Wenn wir das Gottes-Ich nicht erkennen, so sind wir immer in der Gefahr uns zu zerstören, weil das egoistische Ichbewusstsein nur das eigene Heil unabhängig vom Heil des Anderen sucht. Wollen wir uns und den anderen Menschen aber fördern, so müssen wir mit Paulus sagen lernen: „Ich lebe aber; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir" (Galeter 2,20). Nur in der Aufnahme des wahren, freien Ichs - des Christus-Ichs - kann das eigene und das andere Ich gefördert und das wahre Geheimnis des Menschen erkannt werden. Aber wie machen wir das, dass wir das Ich des anderen Menschen - und auch das eigene Ich - in Wahrheit und unabhängig vom physischen Körper erkennen können? Wenn wir einen Menschen sehen, so sehen wir einen übersinnlichen Geist verbunden mit einem physischen Körper vor uns. („Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." Joh. 1,14) Nun können wir versuchen, unsere Aufmerksamkeit ganz alleine auf den geistigen Menschen zu richten. Dann sehen wir seine Haltung, die sich frei dem Kosmos entgegenstellt, sehen die Kraft seiner Augen und die freie Führung seiner Hände und Füße. Wir sehen in ihm den Ausdruck eines freien Geistes. Und wenn wir dieses freie Geistige immer weiter in unsere Aufmerksamkeit nehmen, und wenn wir diese Aufmerksamkeit mit Liebe verbinden, dann verschwindet nach und nach der physische Körper vor unseren Blicken und wir haben den geistigen Menschen vor uns - das Ich. Aber dann sehen wir auch, dass dieses Ich nicht verschwindet, wenn der Körper schläft oder stirbt, denn er ist ja auch nicht verschwunden, als sich uns für unsere Anschauung der physische Körper vernichtete. Wir sehen das Ewige am Menschen. Und wenn wir das sehen, dann fühlt sich das gesehene Ich von uns angesprochen, wahrgenommen und, wenn es gut geht, sogar zur Eigenwahrnehmung aufgerufen. Dann beginnt es geistig zu leuchten und gesundet durch uns an sich selbst. Es gesundet bis in den physischen Körper hinein. Wir sehen die Wichtigkeit, den Menschen in seiner geistigen Wahrheit und Göttlichkeit zu erkennen. Jedes Mal, wenn wir ins Zimmer eines Menschen - vielleicht eines leidenden Menschen treten, und er fühlt sich durch unsere Gegenwart in seinem geistigen Wesenskern - in seinem Ich - gestärkt und gesundet, so sind wir dabei, unsere Menschheitsaufgabe zu erfüllen.