Märchen- und Liederstunde

Ein Märchen ist’s

 

Ein Märchen ist’s, wenn sich der Bär

Dem Kreuz des Südens will vereinen,

Und ihre Stimmen im Gedicht

Um die Prinzessin heftig weinen;

Die dann die Söhne einer Königin

Mit Monden- und mit Sonnenlicht

In tiefster Erdens-Leidens-Schicht

Aus einer süßen Frucht entsteinen.

 

-         Das kann man Märchen meinen.

Liebe Freunde

 

Wie schön, dass ich euch seh‘.

Zur Märchenstunde,

Im Märchenbunde

Als Wolf, als Zwerg, als Reh,

Zu tragen Glück und Weh.

 

Doch so, wie ich hier steh‘,
So möchte ich das eine sagen:
Es tut mir in der Seele weh,
Wenn ich euch sehe Brillen tragen.
Aus jedem Worte, jeder Silbe,
Aus jedem Blatte, jedem Stein,
Dringt doch ein ganzes Weltgebilde,
In unser Herz wie reifer Wein.
Es ist schon wahr, Distanz ist wichtig,
Doch darf sie nicht für immer sein.
Wir lesen Märchen doch erst richtig,
Wenn wir selbst Elf sind, Frosch und Stein.


Entbrillt euch nun und hört der Märchen
Geheimnisvollen Werdelauf;
Vom Leid, zum Schloss, zum Prinzenpärchen,
Und nehmt euch selbst ins Märchen auf.

Der Weg zu uns
Und von uns fort,
Das sind die Märchenbilder.
Erst warn sie da,
Dann warn sie fort,
Heut seh’n wir Namensschilder.
Die unerkannt
In Büchern ruh‘n,
Zu uns’rer Augen Glück.
Und dort im Grunde

Gar nichts tun…
Wer bringt sie uns zurück.

 

Sind Freude uns
Und Leben auch,
Der Welten Urerfahrung.
Der Seele Weben,
Geistes Hauch,
Und unser aller Nahrung.
Sie zeigen uns,

Vom Seh’n berührt,
Des Schicksals goldnes Weben,
Das uns so fort

Durch Leben führt,
Um himmlisch zu genesen.

 

Kein Automat
Kann sie versteh’n,
Weil sie Ideen tragen.
Die niemals in

Ein Muster geh'n,
Und nichts Erdachtes sagen.
Sie sind Beweis,

Dass unser Geist
Nicht in den Köpfen gründet,
Da er sich selbst,

Mit allem Fleiß,
Vom Jenseits her entzündet.

Alte Glut

 

Wisst ihr, wer in stiller Hut
Seine Götter ehrt?
Es ist der Myste: „Alte Glut“,
Zuhaus am warmen Herd.
Der steht im Tale Himmelsruh',
Und gar nicht weit von da,
Spricht eine Frau den Kindern zu:
Ihr kennt den Alten ja.
So nehmt hier diesen Korb der Gaben,
Und bringt ihn ihm ins Tal,
Er soll die guten Gaben haben
Wie Sonntags allemal.
Denn dieser Mann ist ganz allein
Er will es zwar so haben,
Doch darf auch ihm mal Sonntag sein,
Mit unsren guten Gaben.


Die Kinder sind sogleich dabei
Und nehmen gern den Korb,
Mit mancher guten Leckerei -
Und sieh‘, schon sind sie fort.
Der Mutter, die es sonst getan,
Versagen heut die Beine.
So winkt sie nur ein: kommt gut an…
Doch schon sind sie alleine,
Auf ihrem Weg ins tiefe Tal,
Wo Glutens Häuschen steht,
Und nur das Bächlein Nimmerwahl
Zeigt ihnen ihren Weg.


Doch da entschwindet es dem Blick
Im tiefen Erdengrund,
Sie wissen nicht ob vor – zurück,
Und gehen in der Rund‘.
Bis sie von einem steilen Berg
Sich aufgehalten seh‘n.
Das Mädchen sieht‘s als Gottes Werk,
Und möcht nach Hause geh‘n.
Der Knabe aber überlegt

Wo’s Bächlein hin verschwunden,
Und denkt, wenn’s um die Kurve geht,
Dann hat‘s das Tal gefunden.
Grad hinter diesem Gipfel hier;
Den müssen wir bezwingen.
Dann werd‘ ich uns, versprech' ich dir,
Ins Tal des Alten bringen.


Indessen wartet Alte Glut

Der leck‘ren Sonntagsgaben.
Und denkt, da sich auf Zeit nichts tut,
Sie wird‘s vergessen haben.
Derweil der Korb - er weiß es nicht,
Hoch in dem Berge weilt.
An fremdem Ort und nah‘ dem Licht,
Das tötet oder heilt.
Dort, wo die Kinder unter Schmerzen
Schon nah‘ dem Gipfel sind,
Mit Angst und Zweifel in den Herzen,
Umweht vom kalten Wind.


Da suchen sie sich einen Ort,
Wo sie dem Wind entgeh‘n,
Und nehmen aus des Alten Korb,
Was sie da Gutes seh‘n.
Nicht mal die Mutter hörn sie rufen,
Die mit des Tales Mysten,
Gegangen ist sie dort zu suchen,
Wo sie sie finden müssten.
Es war ihr Müh‘ genug gewesen,
Den stillen Mann zu bitten,
Sich von Gebet und Haus zu lösen;
Doch dann hat er‘s gelitten.


Jetzt rufen sie und suchen sie,
Am Berge angefangen.
Denn irgendwie, so ahnen sie,
Sind sie dort hoch gegangen.
Und haben ihren Weg verloren,
Sind in den Fels gestiegen.
So lauschen sie mit off‘nen Ohren
Auf einen Ton der Lieben.
Doch Alte Glut bleibt öfter steh‘n,
Er fühlt sich fremd im Steigen.
Und endlich will er, statt zu geh’n,
In sich nur ruh‘n und bleiben.


Da wird die Mutter puterrot
Und ruft: du alter Kater;
Da oben ist dein Blut in Not.
Du weißt, du bist ihr Vater.
Erinnerst du dich, dazumal
Hast du uns schnöd‘ verlassen,
Um einzusiedeln in dem Tal;
Ich hab dich ziehen lassen.
Doch jetzt sind unsre Kinder dort
Vielleicht sogar gestorben,
Und dich verlangt‘s nach stillem Hort;
Was ist aus dir geworden.


Der alte Myste schweigt betreten
Und weiß nicht aus noch ein.
Nach oben weiß er nicht zu beten,
Schaut nur in sich hinein.
Doch beten grad in dem Moment
Die Kinder eng umschlungen,
Die Worte, die der Herr uns nennt;
Mit Muttern oft gesungen:
„Einst lebte ich in Himmelshöh’n,
Heut lebe ich in dir.
Und suchst du dich in Himmelshöh’n,
So suche dich in mir.“


Und wie von Himmel ihm geschickt,
Sieht Alte Glut ein Licht,
Die Mutter aber sieht es nicht,
Sie sieht nur sein Gesicht.
Sie sieht, wie er sich jetzt bemüht
Doch in den Berg zu steigen,
Und wie ihm hell das Auge glüht,
Als wollt‘ ein Gott sich zeigen.
Da rollen Steine aus der Höh‘,
Die Mutter springt zur Seite.
Doch Alte Glut trifft es - oh weh‘,
Dass es ihm Schmerz bereite.
Und weiter steigt er himmelan
Dem hellen Licht entgegen,
Bis er sich nicht mehr rühren kann,
Der starken Schmerzen wegen.


Und da gesteht des Alten Knecht:
Mein Herz war wohl von Sinnen,
Dass ich euch ließ, das war nicht recht,
Jetzt will die Glut verglimmen.
Die Mutter aber horcht und eilt
Mit mal den Berg hinauf.
Da hat sich etwas mitgeteilt,
Ein, ach vertrauter Laut.
Hat da nicht grad etwas gesungen,
Was sie im Herzen kennt?
Da findet sie sie eng umschlungen,
Dicht an den Fels gedrängt.


Die Kinder aber schämen sich,
Weil sie vom Körbchen nahmen.
Denn etwas stehlen darf man nicht,
Auch nicht in Gottes Namen.
Doch Mutter sagt: es ist schon gut,
Wir gehen zu ihm hin,
Und es verzeiht euch Alte Glut,
Ihr wisst, ich kenne ihn.


Derweil liegt dieser schwer getroffen
Und schaut nach jenem Licht.
Mit ihm zu sterben ist sein Hoffen,
Mehr wünscht er weiter nicht.
Doch dieses Licht im stillen Scheinen,
Hat nun sein Werk getan.
Denn sieh‘ es kommen sich zu einen,
Drei lichte Engel bei ihm an.

Die Rückkehr des Zwerges

 

Es war ein großer Kampf, der Weg hierher.
Ein Weltentaten hohes Unterfangen.
Doch war ich nicht alleine, denn viel mehr
Ist diesen Weg mein Sohn mit mir gegangen

Bis dass ich ihn im Zuge der Gewalten –
Uns jagten Blitz und Donner vor sich her –,
Nicht finden konnte mehr, und auch nicht halten,
Denn viel zu wütend waren Wind und Meer.

So ging er mir im Weltenschrei verloren;
Er, den ich selbst wie eine Mutter barg.
Er, der so schön war, dass selbst Flammen froren,
Wenn er zu ihren Füßen betend lag.

Und der die Schlangenköpfe der Medusa

Zum Schmelzen brachte, wenn sie ihn nur sah.

Im Wirbelsturm ein Zentrum – ganz geruhsam…

Er war auf einmal fort, und nicht mehr da.

Ich seh‘ noch seine Augen wie zwei Sterne,

Die Sonne – wie sie sich ihn Sonne nennt.

Und wie selbst fremde Sonnen in der Ferne

Sich einig sind, dass er noch heller brennt.

Er war so glatt, so klar, so makellos und rein,
Gleich einem neugebor‘nen jungen Diamant.
Der in der Dunkelheit zum stillen, schönem Schein ---
Ach – sieh‘ doch nur, da kommt er angerannt!

Hat dich der böse Weltenschlund entlassen?
Hat er so viel an Schönheit nicht gewollt?
Hast du ihn seine Fehler spüren lassen,
Damit er sich durch sie zu Tode grollt?

Komm her mein Sohn, ach komm in meine Arme.
Dein alter Vater liebt dich doch so sehr:
Du Morgenstern – der sich nun dem erbarme,
Der ihn als Abendstern verlor im weiten Meer.

Froschkönig

 

Du holtest mir die goldene Kugel
Aus dunklem Grund herauf.

Das Götterwerk, das unversehn‘s

Mir in den Brunnen rollte.
Ich weinte sehr, da riefst du mich
Und botest Hilfe an.

Dort unterm Lindenbaum im Wald

Wo ich so gerne weilte,

Wenn heiß die Sonne ohne Wolken

Auf unsre Erde schien.

Dann folgtest du mir nach
In meines Vaters Schlosse,
Und drängtest dich auf Stuhl und Tisch
Und in mein Bettlein gar.
Wer bin ich denn, so frag ich dich,
Dass ich dir Dienste schulde,
Nur weil du mich vor dem bewahrtest
Was andren längst verlor‘n.
Ich hab geweint der Kugel Glanz

Verlor’n im Spiel der Seele.

Da kamst du aus den Tiefen
Und botest Hilfe an.
War es vielleicht mein Weinen,
Das dich nach oben rief?

Und das mich jetzt für immer

In deine Dienste stellt?
Mein Vater sagt, wenn er dir diente,
So musst du Gleiches tun,

Denn niemals darf ein Dienst

Ganz ohne Antwort bleiben.

So dien‘ ich dir, doch ohne Lust

Und ohne dich zu mögen.

Sieh da, die Wand,

Die mich von Gott

Und von den Himmeln scheidet.

Die soll dir nun zu deinem Tode.
Von mir gewählet sein.

Siehst du die Wand?

Dahinter steht das All

Im Licht der Ewigkeiten.

Vergehe nun, ich werfe dich

Wider die Wand der Sünde,

Die nie ein Sterblicher durchdringt,

Wenn er auf Erden weilt.

Ich werfe dich, ich werfe dich …
Und sieh, im Sterben öffnet sich

Dein königliches Wesen,

Und du erstrahlst in neuem Glanz

Und Göttlich reinem Sein.

Du bist nicht der, für den ich dich gehalten.

Du bist ein Licht, ein Prinz

Ein Wesen höchsten Seins,

Und meine Art des Handelns
Hat dich mir zugesellt.
War ich es gar, der dir den Froschleib gab
Einst unterm Lindenbaume

Dort in dem dunklen Walde?

Lass uns den Morgen warten,

Dann wird das Licht mir raten,

Was ich dem Vater sage

Und wie es weitergeht.

Und da, ich seh‘s

Dein Diener kommt gefahren,
Der Paradieses reine Mensch,

Wie ich ihn vorgestellt.

Die Sinne klar,

Wie schön geschmückte Pferde,
Das Herz befreit

Von Schnüren hart wie Stahl.

So führt er uns

Ins Reich der Ewigkeiten

In seinem Wagen – alle drei gepaart.

Wir drei, wir sind des Menschen reinstes Wesen,
Wie es von unserm Schöpfer uns geplant.

Und diese Welt, die wir durchwandert haben,

Sie diente einzig nur darein

Im Denken, Fühlen und nun auch im Wollen

Uns neu zu finden und uns treu zu sein,

Damit das höchste Werk auf dieser unserer Erde

Sich selbst erschafft für alle Ewigkeit.

Frau Holle

 

Frau Holle ruft, ich hör‘ sie sagen:

Mein Kind erkenne dich.

Doch noch will mich die Erde tragen,
Und für sie geb‘ ich mich.
Des Lebens Pulse will ich spüren,
Am Weg des Weltgescheh‘ns.
Will bis ins Blut die Nadel führen,
Um dienend zu verglüh‘n.

Dann folg ich erst und geh‘ hinüber,
Versinkend - Brunnentief,
Und zwischen Blumen zeigt sich wieder
Was Nächtens ich verschlief.
Da wird der Raum zum Zeitgeschehen
Der Welten Liebesinn.
Vom Anfang herkann ich mich sehen,
Ganz ohne Tod – ich bin.

Im Wärmeofendurft ich werden,

Am Baume Frucht um Frucht,

Um kristallin im Schnee zu sterben,

Von wo Frau Holle ruft.

Nun bin ich hier und diene ihr,
Im kristallinen Sein.
So wie ich Brot und Äpfel nahm,
So rief sie mich herein.
Im Zeitenwandel schau ich mich
Als Weltenurgescheh‘n.
Doch dann wend ich mich neuerlich

Um wieder fort zu geh‘n.

Ich wende mich zum Erdentor,

Frau Holle leitet mich.

Und trete unterm Tor hervor,

Ins helle Tageslicht.

Da kann ich Zeit und Raum verbinden,

Sie einen immerdar.

Und Wahrheit kann sich mir entwinden,

So golden, wie sie war.

Doch eine Seite lebt in mir,
Die will sich nicht bemüh‘n.
Will sich nicht opfern für und für
Nur für sich selber glüh‘n.
Der springen Kröten aus dem Munde -
Ich denk, das bin ich nicht.
Doch mit der Dunkelheit im Bunde,
Verhalf sie mir ins Licht.

Das andere Reich

 

Es waren einmal eine Königin und ein König, denen ward ein Zwillingspaar geschenkt; Eine Königstochter und ein Königssohn. Doch als diese drei Jahre alt waren, starb die Königstochter und der Königssohn blieb alleine zurück. Da war er sehr traurig und fragte seine Eltern, wo seine Schwester sei. Diese antworteten ihm, sie sei nun in einem anderen Reich.

Da wuchs er ohne seine Schwester heran. Doch als er groß genug war, verließ er das elterliche Schloss, um nach seiner Schwester zu suchen.

Er ritt lange in der Welt umher und fragte überall nach dem anderen Reich. Aber niemand konnte ihm Auskunft geben.

Da legte er sich eines Abends tief traurig auf einer Blumenwiese zum Schlafen nieder. Doch kaum war er eingeschlafen, trat eine alte Frau an ihn heran. Die trug ein Sternenkleid und reichte ihm ein Kästchen. Dieses solle er, so sagte sie, zum Schloss der Sonne tragen, dort würde er erfahren, wo das andere Reich zu finden sei.

Ohne zu zögern und voll neuer Hoffnung, schwang er sich auf sein Pferd und ritt der Sonne nach, die gerade hinter dem Horizont verschwunden war. Und nach langem Ritt tauchte sie vor ihm auf. Doch als er sich ihr näherte, sprang plötzlich das Kästchen auf und ein wilder Drache entstieg ihm, der das Sonnenschloss verschlingen wollte. Da ließ der Königssohn das Kästchen erschrocken fallen, lenkte sein Pferd zur Seite und ritt am Sonnenschloss vorbei.

Aber kaum war er vorbei, verwandelte sich der Drache in eine wunderschöne Königin. Die hatte eine silberne Krone auf dem Haupt mit fünf leuchtend roten Granatsteinen – und ihre Augen waren so tief eindringlich, dass es dem Königsohn ganz warm uns Herz wurde. Sie sprach ihn an: „Wer bist du, und wo reitest du hin?“ „Ich bin ein Königssohn und wollte zum Schloss der Sonne, aber ein wilder Drache bedrängte mich, und so bin ich daran vorbeigeritten,“ gab er bereitwillig Auskunft.

Da lachte die Königin, küsste ihn und sagte: „Dann komm mit mir auf mein Schloss, dort wird es dir besser gehen, als auf dem Schloss der Sonne.“ Und ohne zu zögern folgte er ihr, und hatte das Kästchen bald vergessen.

Sie aber führte ihn durch einen dunklen Wald ohne Weg und Steg und nur die Strahlen des Mondes leuchteten ihnen. Und plötzlich öffnete sich der Wald und gab eine Lichtung frei, auf der das Schloss der Königin stand. Der Königssohn staunte und konnte sich gar nicht halten vor Verwunderung, denn das Schloss war so schön, wie er noch keines gesehen hatte. Es war ein gewaltiger Bau mit silberglänzenden Mauern und einem hohen Turm, der weit in den Himmel ragte, und einem Garten, in welchem keine Blumen und Bäume wuchsen, sondern Gedanken und Phantasien wie lichte, bunte Wolken – aber auch wie wilde Stürme und Angstschauer – hin und wider schwebten.

Die Königin lächelte und lud ihn ein in das Schloss zu kommen. Da war es schön wie im Himmel. Viele Bedienstet liefen umher und verwöhnten ihn mit den köstlichsten Speisen und Getränken. Die Wände waren mit lebendigen Bildern geschmückt, auf denen sich die Ahnen der Königin hin und her bewegten, und die Tische und Stühle waren aus reinem Silber und aufs Zierlichste geformt.

Aber da waren auch viele Gruppen andächtig betender Menschen, die tief versunken nach dem Reich der Himmel suchten. Diesen schloss sich die Königin an und bat ihn, sich zu ihr zu setzen.

Und so geschah es jeden Tag. Er wurde verwöhnt, er betete und ging im Garten spazieren – mal alleine, mal Arm in Arm mit der Königin.

Und fast hätte er seine Schwester vergessen. Doch gab es im Turm des Schlosses ein hohes Zimmer mit einem dick verglasten Fenster. Dorthinauf stieg er von Zeit zu Zeit – was die Königin aber nicht mochte – und schaute sehnsüchtig nach dem Schloss der Sonne mit seinen sieben hohen leuchtend goldenen Türmen. Und dann gedachte er des anderen Reichs und seiner Schwester, die er auf dem Schloss der Sonne gewiss hätte finden können. Aber das dicke Glas des Fensters ließ sich nicht durchdringen, und so stieg er jedes Mal trauriger vom Turme wieder herab.

Da hatte er eines Tages einen Traum. Wieder erschien ihm die alte Frau im Sternenkleid und hieß ihn im Keller des Schlosses nach einem Brunnen zu suchen. Aus diesem solle er trinken, dann könne er durch das dicke Glas des Fensters hindurch unbeschwert zum Schloss der Sonne und zum anderen Reich gelangen.

Sogleich stieg er in den Keller des Schlosses hinab und suchte nach dem verborgenen Brunnen. Er fand ihn auch hinter einer schweren Eisentür und wollte gerade daraus trinken, als die Königin vor ihm stand. Bitterböse schaute sie ihn an und befahl ihm, sich unverzüglich von dem Brunnen zu entfernen. Da gedachte er seiner Schwester, beugte sich hinab, und nahm schnell eine Handvoll Wasser aus dem Brunnen zu sich.

Kaum aber hatte er von dem Wasser genommen, verwandelte sich die Königin wiederum in einen wilden Drachen und jagte ihn durch das Schloss bis in den Turm hinauf. Dort sprang er in seiner Verzweiflung durch das sich ihm plötzlich öffnende dicke Glas des Fensters und fiel in eine dunkle Tiefe hinab.

Er verlor das Bewusstsein, und als er wieder zu sich kam, sah er, dass er in ein Wasser gefallen war. Und vor sich auf den Wellen tanzend erkannte er sein Kästchen, das er auf dem Weg zum Schloss der Königin verloren hatte. Schnell folgte er ihm, konnte es aber nicht erreichen. Das Kästchen sprang ans Ufer, der Königsohn sprang hinterher und dann ging es einen langen Weg bergan, der immer trockener und heißer wurde. Und da merkte er, dass er auf dem Weg zur Sonne war. Aber es war kein schöner Weg und manchmal trauerte der Königsohn dem Schloss der Königin nach, in welchem er mit allen Köstlichkeiten verwöhnt worden war. Denn hier auf diesem Weg lauerten Gefahren und Hindernisse. Er bekam Hunger und Durst, stieß sich an spitzen Felsen und wäre öfter fast in einen Abgrund gestürzt.

Doch dann sah er das Schloss der Sonne vor sich. Das Kästchen stand vor seinen Toren still, und auch der Königsohn konnte sich vor Erstaunen kaum rühren, so strahlend hell und leuchtend war das Schloss zu schauen. Dann nahm er sich aber ein Herz und schritt darauf zu, denn in den sieben Türmen des Schlosses hatten soeben die Glocken begonnen zu läuten. Doch nach ein paar Schritten schon blieb er erschrocken stehen, denn in diesem Moment schob sich der Drache vor das Schloss der Sonne und verdeckte es mit seinem Schatten. Es war die Königin, die ihm gefolgt war, und die ihn nun zur Umkehr zwingen wollte: „Du wirst die Sonne nie erreichen!“, rief sie ihm aus dem Drachen heraus böse entgegen. „Kehre um und komm zu mir zurück.“

Und es wurde so dunkel und so kalt, dass dem Königsohn das Herz erfror und er im Begriff war ihr zu folgen. Doch dann nahm er allen Mut zusammen und rief ihr entgegen: „Ich will zur Sonne und meine Schwester finden. Ich will – und wenn ich auch verbrennen muss!“

Da sprang das Kästchen auf und seine Schwester stand vor ihm. Die war ebenso groß geworden wie er, aber leuchtend und so schön, als habe sie der Himmel gerade erst geboren. Sie hob die Hand gegen die Königin im Drachen und dieser fiel wie Staub in sich zusammen. Da standen sie beide im Licht der neu erwachten Sonne und schlossen sich liebevoll und glücklich in die Arme.

Aber mit dem Tode der Königin hatte sich auch die ganze Welt verwandelt. Die Bäume neigten sich gegeneinander und erzählten sich Märchen, die Flüsse lispelten einender zu und nahmen sich bei den Händen um gemeinsam ihre Mutter im Meer zu begrüßen. Die Wolken und die Blitze vertrugen sich und die Winde setzen sich zu ihnen. Und der Königsohn nahm seine Schwester bei der Hand und ging mit ihr zurück ins elterliche Schloss.

Diese freuten sich von Herzen über deren Ankunft und die Mutter sagte zu ihrem Sohn: „Siehst du, mein Sohn, nun hast du das andere Reich gefunden.“

Das gebundene Licht

 

Auf den weiten Meeren

Schneidet’s wie mit Scheren

Erd‘ und Himmel ab.

Von dort sind wir gekommen,

Doch dann taucht die Sonnen,

Selbst ins Meer hinab.

Bleibt dem Meer verbunden

Über viele Stunden

Wie dem eig’nen Grab.

Bis der Mensch sie trage,

Aus dem Eig’nen Grabe,

Morgens Tag für Tag.