Märchen- und Liederstunde

Märchen sind Heilung und Nahrung der Seele - nicht nur für Kinder, sondern gerade auch für Erwachsene.

 

Im Altenwerk Schloss Hamborn, im Johannisstift in Paderborn und in der Aatalklinik in Bad Wünnenberg, erfreuen sich die Märchen- und Liederstunden  großer Beliebtheit.

Man kann zuhören, staunen, oder bei bekannten Melodien und Volksliedern mitsingen. Bei vielen Menschen erweckt solch eine Stunde Freude und neue Seelenkräfte.

 

In der Aatalklinik - Jeden Mittwoch von 18:00 bis 20:00 Uhr - sind alle herzlich eingeladen, die daran teilnehmen möchten.

Für eine Märchenstunde mit Liedern und Gedichten, melden Sie sich bitte hier

 

Erzählt werden Märchen der Brüder Grimm und gesungen werden eigene und bekannte Lieder.

Hier ein eigenes kleines Märchen:

 

Das andere Reich

 

Es waren einmal eine Königin und ein König, die hatten ein Zwillingspaar zur Welt gebracht. Eine Königstochter und einen Königssohn. Doch als diese drei Jahre alt geworden waren, starb die Königstochter und der Königssohn blieb alleine zurück. Da war er sehr traurig und fragte seine Eltern, wo seine Schwester sei. Und diese antworteten, nun sei sie in einem anderen Reich.

Da wuchs er ohne seine Schwester heran. Doch als er groß genug geworden war, verließ er das elterliche Schloss, um nach seiner Schwester zu suchen.

Er ritt lange in der Welt umher und fragte überall nach dem anderen Reich. Aber niemand konnte ihm Auskunft geben.

Da legte er sich eines Abends tief traurig auf eine Blumenwiese zum Schlafen nieder. Doch kaum war er eingeschlafen, trat eine alte Frau an ihn heran. Die trug ein Sternenkleid und reichte ihm ein Kästchen. Dieses solle er, so sagte sie, zum Schloss der Sonne tragen, dort würde er erfahren, wo das andere Reich zu finden sei.

Ohne zu zögern und voll neuer Hoffnung, schwang er sich auf sein Pferd und ritt der Sonne entgegen. Doch als er sich ihr näherte, sprang plötzlich das Kästchen auf und ein wilder Drache entstieg ihm, der das Sonnenschloss verschlingen wollte. Da ließ der Königssohn das Kästchen erschrocken fallen, lenkte sein Pferd zur Seite und ritt am Sonnenschloss vorbei.

Aber kaum war er vorbei, verwandelte sich der Drache in eine wunderschöne Prinzesin, die mit jeder Minute wuchs und bald so groß war, wie er selbst. „Wer bist du, und wo reitest du hin?“ fragte sie ihn freundlich. „Ich bin ein Königssohn und wollte zum Sonnenschloss. Aber ein wilder Drache bedrängte mich und so bin ich daran vorbeigeritten“, gab er bereitwillig Auskunft.

Da lachte die Prinzessin, küsste ihn und sagte: „Dann komm mit mir auf mein Schloss, dort wird es dir besser gehen als auf dem Schloss der Sonne.“ Und ohne zu zögern folgte er ihr, und hatte das Kästchen bald vergessen.

Sie aber führte ihn durch einen dunklen Wald ohne Weg und Steg und nur die Strahlen des Mondes leuchteten ihnen. Und plötzlich öffnete sich der Wald und gab eine Lichtung frei, auf der das Schloss der Prinzessin stand. Der Königssohn staunte und konnte sich gar nicht halten vor Verwunderung, denn das Schloss kam ihm so schön vor, wie er es sich nie hätte vorstellen können. Es war ein gewaltiger Bau mit hohen Mauern und silbern glänzenden Kuppeln auf sieben hohen Türmen, die weit in den Himmel hinein ragten. Und ein Garten umgab das Schloss, drinnen wuchsen keine Blumen und Bäume, sondern in ihm wuchsen die Gedanken wie Bäume und die Phantasien wie Blumen, über die die wildesten Leidenschaften und Empfindungen wie Stürme hinweg zogen. Die Prinzessin lächelte und lud ihn ein in das Schloss zu kommen. Doch kaum hatte er das Schloss betreten, wurde er gefangen genommen und musste der Prinzessin willenlos dienen. Lange Zeit diente er so und wurde immer trauriger, denn er sah keinen Weg aus dem Schloss herauszukommen.

Aber in dem Schloss gab es einen hohen Turm mit einem dick verglasten Fester, durch das man auf das Schloss der Sonne sehen konnte. Dort hinauf stieg der Königssohn des Öfteren und schaute hindurch. Aber er konnte das Glas nicht durchdringen und so stieg er jedes Mal ohne Erfolg wieder herab. Darunter litt er sehr, bis er eines Tages einen wundersamen Traum hatte. Ihm träumte wieder von der alten Frau im Sternenkleid. Aber diesmal gab sie ihm kein Kästchen, sondern zeigte ihm einen Brunnen im Keller des Schlosses aus welchem er trinken solle. Dann würden seine Augen das Glas des Fensters durchbrechen.

Sogleich suchte er nach dem Brunnen und als er ihn gefunden hatte, nahm er eine Handvoll von dem köstlichen Wasser. Doch da stand plötzlich der Drache wieder vor ihm, der dem Kästchen entstiegen war. Er erschrak so gewaltig, dass er davonlief bis hinauf in den Turm. Und da der Drache ihm nachgeeilt war, stürzte er sich, aus Angst um sein Leben, durch das Glas des Fensters hindurch ins Freie.

Er fiel in das Wasser des Burggrabens und wäre ertrunken, hätte ihn nicht ein Riese gepackt und herausgezogen.

Furchtbar war dieser Riese anzuschauen, Ohrenbetäubend seine Stimme und giftig sein Atem. Und er hielt den Königssohn so fest gepackt, dass dieser um sein Leben fürchtete und ihm zurief: „Du zerstörst dich selbst, wenn du mich zerstörst.“ Da ließ der Riese ihn fahren, wurde zahm und zugänglich, reichte ihm ein Kästchen und sagte: „Das hast du verloren, und wenn du an mich denkst im anderen Reich, so zeige ich dir den Weg zum Schloss der Sonne.“

Der Königssohn war erstaunt und versprach ihm an ihn zu denken, wenn er das Schloss der Sonne gefunden haben würde. Da nahm ihn der Riese bei der Hand und führte ihn durch den Wald zurück bis zu der Blumenwiese auf der er eingeschlafen war. Doch in demselben Moment ging die Sonne auf, und im nu zerfiel der Riese in viele, viele Blumen und Gräser die die Wiese bedeckten. Als der Königssohn das sah, überlegte er nicht lange, sondern schritt mutig der aufgehenden Sonne entgegen.

Er ging und ging und fühlte sich nach kurzer Zeit schon weit, weit fort. Er kam bis an das Ende der Welt und sah das Schloss der Sonne vor sich liegen. Da blieb er stehen, betrachtete es und überlegte, was nun zu tun sei.

Doch kaum war er stehen geblieben, kam eine Schar wilder Reiter auf ihn zu. Er zückte sein Schwert um sich zu verteidigen, aber da zerfielen sie in lauter Sternbilder, die sich um das Sonnenschloss herum gruppierten und einen Weg frei gaben, auf dem er sich dem Schloss nähern konnte. Und diese Sternbilder waren wie Diener die ihn geleiteten und ihm alles erdenklich Gute tun wollten. Doch er kümmerte sich nicht um sie und ging geradewegs auf das Schloss zu. Das war prächtig anzuschauen und zog ihn in eine lang, lang vergangene Zeit. Und plötzlich erschien ihm das Schloss sogar wie ein Auge zu sein, aus welchem die ganze Welt, die er soeben verlassen hatte, ständig neu entstand.

Da hatte er das Schloss erreicht, war selbst wie Licht geworden und trat durch das Tor des prächtigen Baus.

Aber er wurde mit Macht zurückgeworfen, und eine Stimme forderte das Kästchen, sonst dürfe er das Schloss nicht betreten. Er erschrak furchtbar, suchte verzweifelt nach dem Kästchen, und schaute den Weg zurück, den er gekommen war. Da sah er den Riesen tief traurig zwischen all den Blumen auf der Wiese sitzen. Komm, schien er ihm zuzurufen, und hielt ihm das Kästchen entgegen.

Da eilte er was er konnte den Weg zurück und auf den Riesen zu. Aber er schaute ihn anders als vorher, denn sein Blick, der nun selbst von der Sonne kam, sah des Riesen Gesicht wie im Widerschein der Sterne – warten, hoffend…

Doch kaum hatte er ihn erreicht, flog der Drache, der ihn verfolgt hatte, auf diesen zu, und wollte ihm das Kästchen entreißen. Aber der Riese warf geschwind einen Blumenteppich über ihn hin und band ihn so an die Erde, also dass er elendig zu Grunde ging.

Als das die Prinzessin sah, die dem Drachen gefolgt war, wurde sie sehr böse, und wollte nun selbst den Riesen in die Knie zwingen. Doch da geschah etwas Eigenartiges. Indem die Prinzessin auf den Riesen zuflog, um ihn zu vernichten, vermischten sie sich und die ganze Welt wurde vor den Augen des Königssohns beseelt, fing an sich von innen heraus zu bewegen und offenbarte ihm ihre tiefsten Geheimnisse.

Alles fing zu leben an und zeigte ihm Natur und Geist, Tag und Nacht, Sonne und Mond und Leben und Tod in einem Geschehen vereint. Und aus seinem Kästchen wuchs eine Blume hervor so schön und rein, dass es keine irdischen Worte dafür gabt, und verband sich mit der großen weiten Welt, indem sie zugleich sein Herzblut mit hinaus nahm. Es war ihm als sei nun die Natur selbst sein Herz geworden, oder als habe sein Herz die Reinheit, Zartheit und Schönheit der Natur in sich aufgenommen.

Und da öffnete sich der Vorhang zum anderen Reich, und seine Schwester trat hervor. Befreit fielen sie sich in die Arme, herzten und küssten sich, und konnten ihr Glück kaum fassen. Da waren beide von ihrem großen Kummer befreit. Und am nächsten Morgen gingen sie gemeinsam heim zu ihren Eltern, waren glücklich wieder vereint und feierten ein großes Fest der Auferstehung. Und auch du bist herzlich eingeladen.

Das andere Reich.pdf
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