Märchen- und Liederstunde

Liebe Freunde

 

Wie schön, dass ich euch seh‘.

Zur Märchenstunde,

Im Märchenbunde

Als Wolf, als Zwerg, als Reh,

Zu tragen Glück und Weh.

 

Doch so, wie ich hier steh‘,
So möchte ich das eine sagen:
Es tut mir in der Seele weh,
Wenn ich euch sehe Brillen tragen.
Aus jedem Worte, jeder Silbe,
Aus jedem Blatte, jedem Stein,
Dringt doch ein ganzes Weltgebilde,
In unser Herz wie reifer Wein.
Es ist schon wahr, Distanz ist wichtig,
Doch darf sie nicht für immer sein.
Wir lesen Märchen doch erst richtig,
Wenn wir selbst Elf sind, Frosch und Stein.


Entbrillt euch nun und hört der Märchen
Geheimnisvollen Werdelauf;
Vom Leid, zum Schloss, zum Prinzenpärchen,
Und nehmt euch selbst ins Märchen auf.

Der Weg zu uns
Und von uns fort,
Das sind die Märchenbilder.
Erst warn sie da,
Dann warn sie fort,
Heut seh’n wir Namensschilder.
Die unerkannt
In Büchern ruh‘n,
Zu uns’rer Augen Glück.
Und dort im Grunde

Gar nichts tun…
Wer bringt sie uns zurück.

 

Sind Freude uns
Und Leben auch,
Der Welten Urerfahrung.
Der Seele Weben,
Geistes Hauch,
Und unser aller Nahrung.
Sie zeigen uns,

Vom Seh’n berührt,
Des Schicksals goldnes Weben,
Das uns so fort

Durch Leben führt,
Um himmlisch zu genesen.

 

Kein Automat
Kann sie versteh’n,
Weil sie Ideen tragen.
Die niemals in

Ein Muster geh’n,
Und nichts Erdachtes sagen.
Sie sind Beweis,

Dass unser Geist
Nicht in den Köpfen gründet,
Da er sich selbst,

Mit allem Fleiß,
Vom Jenseits her entzündet.

 

Die Rückkehr des Zwerges

 

Es war ein großer Kampf, der Weg hierher.
Ein Weltentaten hohes Unterfangen.
Doch war ich nicht alleine, denn viel mehr
Ist diesen Weg mein Sohn mit mir gegangen

Bis dass ich ihn im Zuge der Gewalten –
Uns jagten Blitz und Donner vor sich her –,
Nicht finden konnte mehr, und auch nicht halten,
Denn viel zu wütend waren Wind und Meer.

So ging er mir im Weltenschrei verloren;
Er, den ich selbst wie eine Mutter barg.
Er, der so schön war, dass selbst Flammen froren,
Wenn er zu ihren Füßen betend lag.

Und der die Schlangenköpfe der Medusa

Zum Schmelzen brachte, wenn sie ihn nur sah.

Im Wirbelsturm ein Zentrum – ganz geruhsam…

Er war auf einmal fort, und nicht mehr da.

Ich seh‘ noch seine Augen wie zwei Sterne,

Die Sonne – wie sie sich ihn Sonne nennt.

Und wie selbst fremde Sonnen in der Ferne

Sich einig sind, dass er noch heller brennt.

Er war so glatt, so klar, so makellos und rein,
Gleich einem neugebor‘nen jungen Diamant.
Der in der Dunkelheit zum stillen, schönem Schein ---
Ach – sieh‘ doch nur, da kommt er angerannt!

Hat dich der böse Weltenschlund entlassen?
Hat er so viel an Schönheit nicht gewollt?
Hast du ihn seine Fehler spüren lassen,
Damit er sich durch sie zu Tode grollt?

Komm her mein Sohn, ach komm in meine Arme.
Dein alter Vater liebt dich doch so sehr:
Du Morgenstern – der sich nun dem erbarme,
Der ihn als Abendstern verlor im weiten Meer.

Froschkönig

 

Du holtest mir die goldene Kugel
Aus dunklem Grund herauf.

Das Götterwerk, das unversehn‘s

Mir in den Brunnen rollte.
Ich weinte sehr, da riefst du mich
Und botest Hilfe an.

Dort unterm Lindenbaum im Wald

Wo ich so gerne weilte,

Wenn heiß die Sonne ohne Wolken

Auf unsre Erde schien.

Dann folgtest du mir nach
In meines Vaters Schlosse,
Und drängtest dich auf Stuhl und Tisch
Und in mein Bettlein gar.
Wer bin ich denn, so frag ich dich,
Dass ich dir Dienste schulde,
Nur weil du mich vor dem bewahrtest
Was andren längst verlor‘n.
Ich hab geweint der Kugel Glanz

Verlor’n im Spiel der Seele.

Da kamst du aus den Tiefen
Und botest Hilfe an.
War es vielleicht mein Weinen,
Das dich nach oben rief?

Und das mich jetzt für immer

In deine Dienste stellt?
Mein Vater sagt, wenn er dir diente,
So musst du Gleiches tun,

Denn niemals darf ein Dienst

Ganz ohne Antwort bleiben.

So dien‘ ich dir, doch ohne Lust

Und ohne dich zu mögen.

Sieh da, die Wand,

Die mich von Gott

Und von den Himmeln scheidet.

Die soll dir nun zu deinem Tode.
Von mir gewählet sein.

Siehst du die Wand?

Dahinter steht das All

Im Licht der Ewigkeiten.

Vergehe nun, ich werfe dich

Wider die Wand der Sünde,

Die nie ein Sterblicher durchdringt,

Wenn er auf Erden weilt.

Ich werfe dich, ich werfe dich …
Und sieh, im Sterben öffnet sich

Dein königliches Wesen,

Und du erstrahlst in neuem Glanz

Und Göttlich reinem Sein.

Du bist nicht der, für den ich dich gehalten.

Du bist ein Licht, ein Prinz

Ein Wesen höchsten Seins,

Und meine Art des Handelns
Hat dich mir zugesellt.
War ich es gar, der dir den Froschleib gab
Einst unterm Lindenbaume

Dort in dem dunklen Walde?

Lass uns den Morgen warten,

Dann wird das Licht mir raten,

Was ich dem Vater sage

Und wie es weitergeht.

Und da, ich seh‘s

Dein Diener kommt gefahren,
Der Paradieses reine Mensch,

Wie ich ihn vorgestellt.

Die Sinne klar,

Wie schön geschmückte Pferde,
Das Herz befreit

Von Schnüren hart wie Stahl.

So führt er uns

Ins Reich der Ewigkeiten

In seinem Wagen – alle drei gepaart.

Wir drei, wir sind des Menschen reinstes Wesen,
Wie es von unserm Schöpfer uns geplant.

Und diese Welt, die wir durchwandert haben,

Sie diente einzig nur darein

Im Denken, Fühlen und nun auch im Wollen

Uns neu zu finden und uns treu zu sein,

Damit das höchste Werk auf dieser unserer Erde

Sich selbst erschafft für alle Ewigkeit.

Frau Holle

 

Frau Holle ruft, ich hör‘ sie sagen:

Mein Kind erkenne dich.

Doch noch will mich die Erde tragen,
Und für sie geb‘ ich mich.
Des Lebens Pulse will ich spüren,
Am Weg des Weltgescheh‘ns.
Will bis ins Blut die Nadel führen,
Um dienend zu verglüh‘n.

Dann folg ich erst und geh‘ hinüber,
Versinkend - Brunnentief,
Und zwischen Blumen zeigt sich wieder
Was Nächtens ich verschlief.
Da wird der Raum zum Zeitgeschehen
Der Welten Liebesinn.
Vom Anfang herkann ich mich sehen,
Ganz ohne Tod – ich bin.

Im Wärmeofendurft ich werden,

Am Baume Frucht um Frucht,

Um kristallin im Schnee zu sterben,

Von wo Frau Holle ruft.

Nun bin ich hier und diene ihr,
Im kristallinen Sein.
So wie ich Brot und Äpfel nahm,
So rief sie mich herein.
Im Zeitenwandel schau ich mich
Als Weltenurgescheh‘n.
Doch dann wend ich mich neuerlich

Um wieder fort zu geh‘n.

Ich wende mich zum Erdentor,

Frau Holle leitet mich.

Und trete unterm Tor hervor,

Ins helle Tageslicht.

Da kann ich Zeit und Raum verbinden,

Sie einen immerdar.

Und Wahrheit kann sich mir entwinden,

So golden, wie sie war.

Doch eine Seite lebt in mir,
Die will sich nicht bemüh‘n.
Will sich nicht opfern für und für
Nur für sich selber glüh‘n.
Der springen Kröten aus dem Munde -
Ich denk, das bin ich nicht.
Doch mit der Dunkelheit im Bunde,
Verhalf sie mir ins Licht.

Hier ein eigenes kleines Märchen:

 

Das andere Reich

 

Es waren einmal eine Königin und ein König, die hatten ein Zwillingspaar zur Welt gebracht. Eine Königstochter und einen Königssohn. Doch als diese drei Jahre alt geworden waren, starb die Königstochter und der Königssohn blieb alleine zurück. Da war er sehr traurig und fragte seine Eltern, wo seine Schwester sei. Und diese antworteten, nun sei sie in einem anderen Reich.

Da wuchs er ohne seine Schwester heran. Doch als er groß genug geworden war, verließ er das elterliche Schloss, um nach seiner Schwester zu suchen.

Er ritt lange in der Welt umher und fragte überall nach dem anderen Reich. Aber niemand konnte ihm Auskunft geben.

Da legte er sich eines Abends tief traurig auf eine Blumenwiese zum Schlafen nieder. Doch kaum war er eingeschlafen, trat eine alte Frau an ihn heran. Die trug ein Sternenkleid und reichte ihm ein Kästchen. Dieses solle er, so sagte sie, zum Schloss der Sonne tragen, dort würde er erfahren, wo das andere Reich zu finden sei.

Ohne zu zögern und voll neuer Hoffnung, schwang er sich auf sein Pferd und ritt der Sonne entgegen. Doch als er sich ihr näherte, sprang plötzlich das Kästchen auf und ein wilder Drache entstieg ihm, der das Sonnenschloss verschlingen wollte. Da ließ der Königssohn das Kästchen erschrocken fallen, lenkte sein Pferd zur Seite und ritt am Sonnenschloss vorbei.

Aber kaum war er vorbei, verwandelte sich der Drache in eine wunderschöne Prinzesin, die mit jeder Minute wuchs und bald so groß war, wie er selbst. „Wer bist du, und wo reitest du hin?“ fragte sie ihn freundlich. „Ich bin ein Königssohn und wollte zum Sonnenschloss. Aber ein wilder Drache bedrängte mich und so bin ich daran vorbeigeritten“, gab er bereitwillig Auskunft.

Da lachte die Prinzessin, küsste ihn und sagte: „Dann komm mit mir auf mein Schloss, dort wird es dir besser gehen als auf dem Schloss der Sonne.“ Und ohne zu zögern folgte er ihr, und hatte das Kästchen bald vergessen.

Sie aber führte ihn durch einen dunklen Wald ohne Weg und Steg und nur die Strahlen des Mondes leuchteten ihnen. Und plötzlich öffnete sich der Wald und gab eine Lichtung frei, auf der das Schloss der Prinzessin stand. Der Königssohn staunte und konnte sich gar nicht halten vor Verwunderung, denn das Schloss kam ihm so schön vor, wie er es sich nie hätte vorstellen können. Es war ein gewaltiger Bau mit hohen Mauern und silbern glänzenden Kuppeln auf sieben hohen Türmen, die weit in den Himmel hinein ragten. Und ein Garten umgab das Schloss, drinnen wuchsen keine Blumen und Bäume, sondern in ihm wuchsen die Gedanken wie Bäume und die Phantasien wie Blumen, über die die wildesten Leidenschaften und Empfindungen wie Stürme hinweg zogen. Die Prinzessin lächelte und lud ihn ein in das Schloss zu kommen. Doch kaum hatte er das Schloss betreten, wurde er gefangen genommen und musste der Prinzessin willenlos dienen. Lange Zeit diente er so und wurde immer trauriger, denn er sah keinen Weg aus dem Schloss herauszukommen.

Aber in dem Schloss gab es einen hohen Turm mit einem dick verglasten Fester, durch das man auf das Schloss der Sonne sehen konnte. Dort hinauf stieg der Königssohn des Öfteren und schaute hindurch. Aber er konnte das Glas nicht durchdringen und so stieg er jedes Mal ohne Erfolg wieder herab. Darunter litt er sehr, bis er eines Tages einen wundersamen Traum hatte. Ihm träumte wieder von der alten Frau im Sternenkleid. Aber diesmal gab sie ihm kein Kästchen, sondern zeigte ihm einen Brunnen im Keller des Schlosses aus welchem er trinken solle. Dann würden seine Augen das Glas des Fensters durchbrechen.

Sogleich suchte er nach dem Brunnen und als er ihn gefunden hatte, nahm er eine Handvoll von dem köstlichen Wasser. Doch da stand plötzlich der Drache wieder vor ihm, der dem Kästchen entstiegen war. Er erschrak so gewaltig, dass er davonlief bis hinauf in den Turm. Und da der Drache ihm nachgeeilt war, stürzte er sich, aus Angst um sein Leben, durch das Glas des Fensters hindurch ins Freie.

Er fiel in das Wasser des Burggrabens und wäre ertrunken, hätte ihn nicht ein Riese gepackt und herausgezogen.

Furchtbar war dieser Riese anzuschauen, Ohrenbetäubend seine Stimme und giftig sein Atem. Und er hielt den Königssohn so fest gepackt, dass dieser um sein Leben fürchtete und ihm zurief: „Du zerstörst dich selbst, wenn du mich zerstörst.“ Da ließ der Riese ihn fahren, wurde zahm und zugänglich, reichte ihm ein Kästchen und sagte: „Das hast du verloren, und wenn du an mich denkst im anderen Reich, so zeige ich dir den Weg zum Schloss der Sonne.“

Der Königssohn war erstaunt und versprach ihm an ihn zu denken, wenn er das Schloss der Sonne gefunden haben würde. Da nahm ihn der Riese bei der Hand und führte ihn durch den Wald zurück bis zu der Blumenwiese auf der er eingeschlafen war. Doch in demselben Moment ging die Sonne auf, und im nu zerfiel der Riese in viele, viele Blumen und Gräser die die Wiese bedeckten. Als der Königssohn das sah, überlegte er nicht lange, sondern schritt mutig der aufgehenden Sonne entgegen.

Er ging und ging und fühlte sich nach kurzer Zeit schon weit, weit fort. Er kam bis an das Ende der Welt und sah das Schloss der Sonne vor sich liegen. Da blieb er stehen, betrachtete es und überlegte, was nun zu tun sei.

Doch kaum war er stehen geblieben, kam eine Schar wilder Reiter auf ihn zu. Er zückte sein Schwert um sich zu verteidigen, aber da zerfielen sie in lauter Sternbilder, die sich um das Sonnenschloss herum gruppierten und einen Weg frei gaben, auf dem er sich dem Schloss nähern konnte. Und diese Sternbilder waren wie Diener die ihn geleiteten und ihm alles erdenklich Gute tun wollten. Doch er kümmerte sich nicht um sie und ging geradewegs auf das Schloss zu. Das war prächtig anzuschauen und zog ihn in eine lang, lang vergangene Zeit. Und plötzlich erschien ihm das Schloss sogar wie ein Auge zu sein, aus welchem die ganze Welt, die er soeben verlassen hatte, ständig neu entstand.

Da hatte er das Schloss erreicht, war selbst wie Licht geworden und trat durch das Tor des prächtigen Baus.

Aber er wurde mit Macht zurückgeworfen, und eine Stimme forderte das Kästchen, sonst dürfe er das Schloss nicht betreten. Er erschrak furchtbar, suchte verzweifelt nach dem Kästchen, und schaute den Weg zurück, den er gekommen war. Da sah er den Riesen tief traurig zwischen all den Blumen auf der Wiese sitzen. Komm, schien er ihm zuzurufen, und hielt ihm das Kästchen entgegen.

Da eilte er was er konnte den Weg zurück und auf den Riesen zu. Aber er schaute ihn anders als vorher, denn sein Blick, der nun selbst von der Sonne kam, sah des Riesen Gesicht wie im Widerschein der Sterne – warten, hoffend…

Doch kaum hatte er ihn erreicht, flog der Drache, der ihn verfolgt hatte, auf diesen zu, und wollte ihm das Kästchen entreißen. Aber der Riese warf geschwind einen Blumenteppich über ihn hin und band ihn so an die Erde, also dass er elendig zu Grunde ging.

Als das die Prinzessin sah, die dem Drachen gefolgt war, wurde sie sehr böse, und wollte nun selbst den Riesen in die Knie zwingen. Doch da geschah etwas Eigenartiges. Indem die Prinzessin auf den Riesen zuflog, um ihn zu vernichten, vermischten sie sich und die ganze Welt wurde vor den Augen des Königssohns beseelt, fing an sich von innen heraus zu bewegen und offenbarte ihm ihre tiefsten Geheimnisse.

Alles fing zu leben an und zeigte ihm Natur und Geist, Tag und Nacht, Sonne und Mond und Leben und Tod in einem Geschehen vereint. Und aus seinem Kästchen wuchs eine Blume hervor so schön und rein, dass es keine irdischen Worte dafür gabt, und verband sich mit der großen weiten Welt, indem sie zugleich sein Herzblut mit hinaus nahm. Es war ihm als sei nun die Natur selbst sein Herz geworden, oder als habe sein Herz die Reinheit, Zartheit und Schönheit der Natur in sich aufgenommen.

Und da öffnete sich der Vorhang zum anderen Reich, und seine Schwester trat hervor. Befreit fielen sie sich in die Arme, herzten und küssten sich, und konnten ihr Glück kaum fassen. Da waren beide von ihrem großen Kummer befreit. Und am nächsten Morgen gingen sie gemeinsam heim zu ihren Eltern, waren glücklich wieder vereint und feierten ein großes Fest der Auferstehung. Und auch du bist herzlich eingeladen.

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